WIRTSCHAFT GEMEINSAM MEHR BEWEGEN. #ZUKUNFTSSICHER: Ausbilden. Weiterbilden. Fachkräfte binden. AUSGABE 02| 2026
INHALT 5 16 Seite Seite 8 Lesen Sie weiter auf Seite 10 20 Lesen Sie weiter auf Seite Lesen Sie weiter auf Seite Ausbilden fängt mit Sichtbarkeit an Der Ausbildungsmarkt ist angespannt: Unternehmen suchen Nachwuchs, Jugendliche Orientierung. Zwei Unternehmen aus Leipzig und Wurzen zeigen, wie Ausbildung trotzdem gelingen kann. Deutsche Ausbildung am Roten Meer Wie die IHK zu Leipzig in El Gouna Ausbildungsqualität sichert Wo Ausbildung nach Karamell und Kaffee riecht Ein Besuch bei Bell Flavors & Fragrances zeigt, wie die IHK zu Leipzig Ausbildungsqualität sichert und den Ausbildungsmarkt stärkt. Ausbildung braucht mehr als gute Absichten Ein Gespräch mit IHK-Präsident und Unternehmer Kristian Kirpal Von der Wirtschaft. Für die Wirtschaft. Wie das Prüfungswesen funktioniert und warum Unternehmen dabei selbst Verantwortung übernehmen „Ich kenne hier jede Schraube“ Ilja Koschews Weg zum Bereichsleiter Produktion bei ETEX in Lippendorf zeigt, was Ausbildung und Weiterbildung möglich machen. 13 ab Seite 2 Seite
Editorial............................................................................................ 3 Ausbildung & Weiterbildung Duale Ausbildung...........................................................................4 Ausbildung braucht mehr als gute Absichten ......................5 Wo Ausbildung nach Karamell und Kaffee riecht................8 Ausbilden fängt mit Sichtbarkeit an......................................10 „Ich kenne hier jede Schraube“...............................................13 Prüfungswesen Von der Wirtschaft. Für die Wirtschaft.................................16 „Prüfen heißt Verantwortung tragen“...................................17 Damit Prüfungen stattfinden...................................................18 Deutsche Ausbildung am Roten Meer...................................20 Wo Theorie und Praxis zusammenfinden..............................21 Veranstaltungshinweise.............................................................22 Impressum.....................................................................................23 #Zukunftssicher: Ausbilden. Weiterbilden. Fachkräfte binden. EDITORIAL Liebe Leserin, lieber Leser, wer selbst ausbildet, weiß: Ausbildung ist kein Selbstläufer. Sie kostet Ressourcen – Zeit und Geld – und verlangt echtes Interesse an jungen Menschen. Doch sie lohnt sich. Aus Interessierten werden Auszubildende, aus Auszubildenden Fachkräfte, die Verantwortung übernehmen – und bleiben. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis harter Arbeit von Betrieben, die berufliche Bildung ernst nehmen. Viele Unternehmen in unserem Kammerbezirk Leipzig tun genau das. Dennoch bleiben Stellen unbesetzt, finden junge Menschen keinen passenden Ausbildungsberuf, werden Ausbildungsverhältnisse abgebrochen. Das liegt selten an fehlendem Willen oder mangelnden Möglichkeiten – oft sind es Rahmenbedingungen, die nicht passen: Fehlende Einblicke in Ausbildungsberufe, eine Berufsorientierung, die zu spät ansetzt – oder zu lange Wege zur Berufsschule. Genau deshalb ist es wichtig, die Berufsschulnetzplanung in Sachsen weiter voranzutreiben. Sie entscheidet mit darüber, ob Ausbildung für Betriebe machbar und für Auszubildende attraktiv bleibt. Wir fordern eine Planung, die auf leistungsfähige urbane Standorte setzt, dabei den ländlichen Raum aber nicht abhängt: Berufsschulstandorte müssen gut erreichbar sein und in ihrer fachlichen Ausrichtung zur Realität der Unternehmen der jeweiligen Region passen. Mit Blick auf die Aufstellung des sächsischen Doppelhaushalts 2027/28 bedarf es zudem einer Mittelausstattung, die eine ausreichende Förderung der beruflichen Bildung im Freistaat zulässt. In unserem Magazin zeigen wir, was Unternehmen tun, um ihre Ausbildungsberufe sichtbarer zu machen – und wo die IHK sie dabei unterstützt. Weil es sich lohnt, dranzubleiben und unsere Region gemeinsam #ZUKUNFTSSICHER zu machen. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. Mit herzlichen Grüßen Ihr Kristian Kirpal Präsident der IHK zu Leipzig Seite 3
Duale Ausbildung Ein Erfolgsmodell unter Druck Ein starker Weg in den Beruf, aber kein Selbstläufer: In der Region Leipzig zeigen rückläufige Vertragszahlen und Passungsprobleme, warum Ausbildung neue Aufmerksamkeit braucht. Ob ein Beruf wirklich passt, zeigt sich selten nur in der Theorie. Genau hier liegt die Stärke der dualen Ausbildung: Sie verbindet betriebliche und schulische Aspekte; je nach Beruf kommen überbetriebliche Lernorte hinzu. Was junge Menschen in der Praxis erleben, wird fachlich eingeordnet; was sie in der Schule lernen, muss sich im Arbeitsalltag bewähren. Dass Betriebe Ausbildung aktiv mittragen, ist international nicht selbstverständlich. In vielen Ländern stößt das deutsche Modell deshalb auf großes Interesse – als Orientierung für eine berufliche Bildung, die sich stärker am Bedarf der Unternehmen ausrichtet. Auch für Leipzig und die umliegenden Landkreise hat dieser Schulterschluss eine sehr praktische Bedeutung. „Die Zukunftsfähigkeit eines Standorts hängt nicht allein von seinen Hochschulen ab“, betont der Berufs- und Wirtschaftspädagoge Prof. Dr. Roland Happ von der Universität Leipzig. „Für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Region ist die duale Ausbildung mindestens ebenso bedeutsam.“ Verliere sie an Sichtbarkeit oder würden dauerhaft weniger Ausbildungsverträge geschlossen, so Happ, könne daraus mittelfristig ein strukturelles Fachkräfteproblem entstehen – mit Folgen für Industrie, Logistik, Handwerk, Gesundheit und Dienstleistungen. Wie konkret diese Herausforderung ist, lässt sich auch im Kammerbezirk ablesen. 2025 wurden hier 3.128 neue Ausbildungsverträge geschlossen, 9,5 Prozent weniger als im Vorjahr. In Leipzig waren Ende August 2025 noch 480 Bewerberinnen und Bewerber unversorgt, während 419 Ausbildungsstellen unbesetzt blieben. Die Zahlen zeigen keinen einfachen Mangel, sondern ein vielschichtiges Spannungsfeld: Demografisch gibt es weniger junge Menschen. Zugleich reagieren Unternehmen auf die unsichere Wirtschaftslage und fahren Ausbildungsaktivitäten zurück. Rein rechnerisch gibt es also Angebote; in der Praxis bedeuten sie aber kein automatisches Match. Das eigentliche Problem liegt häufig im Dazwischen. Ein Betrieb kann ausbildungsbereit sein und trotzdem keine geeigneten Bewerbungen erhalten. Ein junger Mensch kann motiviert sein und dennoch durch unklare Berufsbilder, falsche Erwartungen oder eine schlechte Infrastruktur ausgebremst werden. Es fehlt nicht an Menge, sondern oft an der Passung von Berufswunsch, Betrieb, Schulstandort und Erreichbarkeit. Genau hier setzt die IHK zu Leipzig an. Sie berät und unterstützt Unternehmen rund um Eignung und Ausbildung, begleitet Ausbildungsverhältnisse und schafft durch ihr Prüfungssystem den rechtssicheren Rahmen für anerkannte Abschlüsse. Gleichzeitig macht sie sich für bessere Rahmenbedingungen stark: für verlässliche Berufsorientierung, gut erreichbare Berufsschulstandorte und tragfähige Lösungen bei Azubi-Unterkünften. Wie Passung auch dann entstehen kann, wenn Unternehmen noch keine Ausbildungstradition haben, zeigt das Forschungsprojekt Start2train, das der Berufs- und Wirtschaftspädagoge Happ koordiniert. Das Modellvorhaben zielt darauf ab, Start-ups, unter anderem aus Sachsen, als künftige Ausbildungsbetriebe zu gewinnen und Netzwerke für die Verbundausbildung aufzubauen. Es zeigt sich: Duale Ausbildung ist kein Selbstläufer. Aber dort, wo Unternehmen Verantwortung übernehmen, Beratung greift und Einblicke früh möglich werden, entsteht mehr als ein besetzter Ausbildungsplatz. Jugendliche finden verlässliche berufliche Perspektiven, und die Region gewinnt die Fachkräfte, die sie morgen braucht. Demografisch gibt es weniger junge Menschen. 4 Seite STATISTIK Ausbildung ist breit verankert1 8.328 AUSZUBILDENDE über alle Ausbildungsjahre im Kammerbezirk Leipzig 31,6 % WEIBLICHeib 68,4 % MÄNNLICHännl davon Stadt: 5.133 | Land: 3.195 1.703 BETRIEBE, die aktiv ausbilden im Kammerbezirk Leipzig davon Stadt: 931 | Land: 772 (Stand: 2025) Quelle: 1 IHK zu Leipzig, interne Auswertungen. AUSBILDUNG
Ausbildung braucht mehr als gute Absichten Ein Gespräch mit IHK-Präsident und Unternehmer Kristian Kirpal Herr Kirpal, welche Rolle spielt die duale Ausbildung für die wirtschaftliche Stabilität einer Region wie Leipzig? Kristian Kirpal: Das ist nicht nur ein Leipziger Thema, sondern ein grundsätzliches. Für viele Unternehmen, gerade für kleine und mittlere Betriebe, ist die duale Ausbildung der wichtigste Weg, um Fachkräfte zu gewinnen. Große Unternehmen können Personal oft über mehrere Kanäle suchen, auch international. Für kleinere Betriebe ist das schwieriger. Dort begleitet man junge Menschen von Anfang an, baut sie fachlich auf und führt sie an das eigene Unternehmen heran. Wo unterscheiden sich die Stadt Leipzig und die umliegenden Landkreise beim Thema Ausbildung? Kirpal: Stadt und Land haben unterschiedliche Voraussetzungen. In Leipzig wirkt vieles dichter: Betriebe, Berufsschulen, Freizeitangebote, öffentlicher Nahverkehr. Die Landkreise haben andere Stärken. Viele Betriebe sind fest in Gemeinden, Vereinen und persönlichen Netzwerken verankert – man kennt sich. Diese Nähe kann Bindung schaffen. Wichtig ist, die Rahmenbedingungen mitzudenken. Kompliziert kann es beispielsweise dann werden, wenn Wohnort, Ausbildungsplatz und Berufsschule weit auseinanderliegen oder Verbindungen ungünstig getaktet sind. Viele Azubis sind zu Beginn noch nicht volljährig. Dann geht es auch um sozialpädagogische Betreuung und verlässliche Strukturen in den Unterkünften. Der Ausbildungsmarkt ist angespannt. Wie stabil ist das duale System unter diesen Vorzeichen? Kirpal: Ich würde nicht von mangelnder Ausbildungsbereitschaft sprechen. Viele Unternehmen wollen ausbilden. Die Frage ist eher, was sie sich in der aktuellen wirtschaftlichen Lage leisten können. Ausbildung kostet Geld, besonders am Anfang. Wenn Betriebe vorsichtiger planen müssen, überlegen sie genauer, was sie sich leisten können. Hinzu kommt ein Matching-Problem. Jugendliche konzentrieren sich oft auf bestimmte Berufe, während andere kaum wahrgenommen werden. Dann gibt es in einigen Bereichen viele Bewerbungen, anderswo bleiben Plätze frei. Es geht also nicht nur um Zahlen, sondern darum, ob Erwartungen, Berufsbilder und betriebliche Realität zusammenpassen. Der Schlüssel ist eine Berufsorientierung, die früher ansetzt und verlässlich finanziert ist. Jugendliche müssen erleben, was ein Beruf bedeutet. Eine Liste mit Ausbildungsberufen reicht nicht. Sie müssen sehen, wie ein Unternehmen funktioniert und welche Wege sich dadurch ergeben können. Mit „Lernen im Betrieb“ gibt es in Wermsdorf ein Projekt, das unter anderem von Ihrem Unternehmen KET Kirpal Energietechnik mit angestoßen wurde. Was macht diesen Ansatz aus? Kirpal: Das Entscheidende ist die Verbindlichkeit. Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse gehen über ein Schuljahr hinweg alle zwei Wochen einen Tag in ein Unternehmen vor Ort. Dazu gehört auch ein echter Bewerbungsprozess. Was mich dabei überzeugt, ist die Tiefe. Die Jugendlichen verstehen konkret, welche Berufe es gibt und welche Wege mit einer Ausbildung beginnen können. Sie bekommen eine echte Vorstellung davon, worauf sie sich einlassen. Das kann helfen, spätere Enttäuschungen zu vermeiden, und das Risiko von Ausbildungsabbrüchen senken. Das duale System gilt als erfolgreich, weil es nah am Bedarf der Wirtschaft ist. Reicht diese Anpassungsfähigkeit noch aus? Kirpal: Grundsätzlich ist das System tragfähig. Aber wir brauchen Veränderungen, und zwar schneller. Wenn sich Arbeitsmethoden durch Digitalisierung, Automatisierung oder Robotik verändern, muss sich das in den Berufsbildern widerspiegeln. Das betrifft längst nicht nur die Industrie, sondern auch Handwerk und Dienstleistungen. Die Anpassung dauert oft lange, weil vieles gesetzlich und politisch abgestimmt werden muss. Aus meiner Sicht braucht es hier mehr Mut, Entscheidungen zu treffen und bei Bedarf später nachzusteuern. Wir können Veränderungen nicht mehr in Dekaden denken. Auch die Berufsschulnetzplanung für Sachsen gehört dazu: Wir dürfen den ländlichen Raum nicht abhängen, müssen aber realistisch bleiben. Nicht überall kann alles angeboten werden. Wichtig ist, dass Berufsschulen und Unternehmen räumlich und fachlich sinnvoll zusammenpassen. Sie sind selbst Unternehmer, haben eine technische Ausbildung gemacht und später studiert. Wie prägt das Ihren Blick auf Ausbildung heute? Kirpal: Mit der Erfahrung von heute würde ich es wieder so machen. Die Ausbildung war für mich eine sehr gute Grundlage. Die Verbindung aus Arbeit im Unternehmen und theoretischem Lernen hat mir auch später im Studium geholfen. Seite 5 INTERVIEW
Ich konnte vieles besser einordnen, weil ich wusste, was es in der Praxis bedeutet. Außerdem nimmt eine Ausbildung Druck raus. Man hat eine berufliche Grundlage und kann darauf aufbauen. Deshalb sollten wir stärker hinterfragen, warum ein Studium oft wie selbstverständlich als die bessere erste Option gilt. Eine Berufsausbildung ist solide, anspruchsvoll und eröffnet viele Möglichkeiten. Danach ist ja nicht Schluss: Meister, Techniker, Fachwirt – es gibt viele Wege, sich weiterzuentwickeln. Was muss sich verändern, damit mehr junge Menschen den Weg in eine Ausbildung finden – und wo kann die IHK unterstützen? Kirpal: Wir brauchen eine andere gesellschaftliche Gewichtung. Die duale Ausbildung mit ihren weiteren Qualifikationswegen muss sichtbarer und selbstverständlicher werden. Wir sollten das Studium nicht automatisch zum Königsweg machen. Dafür braucht es beide Seiten. Unternehmen müssen bereit sein, in Ausbildung zu investieren, auch wenn das zunächst Aufwand bedeutet. Wer künftig Fachkräfte haben will, kann nicht nur hoffen, dass am Markt jemand verfügbar ist. Gerade kleinere Betriebe müssen sich fragen, wie sie junge Menschen gewinnen und halten können. Gleichzeitig brauchen sie Rahmenbedingungen, die funktionieren. Für viele Betriebe ist es nicht einfach, Ausbildung finanziell zu schultern. Besonders wichtig ist Verlässlichkeit: Wenn Angebote an Schulen jedes Jahr neu aufgesetzt werden müssen, kommt man nicht voran. Die IHK bündelt die Erfahrungen der Unternehmen und bringt sie gezielt in politische Entscheidungsprozesse ein, etwa bei Berufsorientierung, Berufsschulstandorten oder organisatorischen Hürden. Praktisch unterstützt sie mit Ausbildungsmessen, Schulprojekten und Formaten, die Unternehmen und Jugendliche zusammenbringen. Entscheidend ist, dass Ausbildung erlebbar wird. Vielen Dank für das Gespräch. Der Markt steht unter Druck2 3.128 neue Ausbildungsverträge im IHK-BEZIRK LEIPZIG 2025 -9,5 % WENIGER ALS 2024 (3.452) Stichtag 30.09.2025 DEUTSCHLAND: -2,8 % (461.800 neue Verträge) Stadt & Land entwickeln sich unterschiedlich3 Stadt Leipzig -5,1 % (2024: 2.081 > 2025: 1.975 neue Verträge) Stichtag 30.09.2025 Landkreise Leipzig & Nordsachsen -15,9 % (2024: 1.371 > 2025: 1.153 neue Verträge) Passung bleibt das Kernproblem Leipzig4 Landkreise Leipzig und Nordsachsen5 Sachsen6 unbesetzte Lehrstellen 419 167 1.698 unversorgte Jugendliche 480 125 1.270 (Stand: August 2025) (Stand: September 2025) Mehr Azubis mit ausländischer Staatsangehörigkeit7 3.287 AUSLÄNDISCHE AZUBIS IN SACHSEN = +20,3 % mehr gegenüber 2023 (Stand: Dezember 2024) HÄUFIGSTE HERKUNFTSLÄNDER Vietnam: 32,8 % | Syrien: 8,5 % | Ukraine: 5,4 % Top 5 der Ausbildungsberufe8 1. Verkäufer/-in 2. Kaufmann/-frau im Einzelhandel 3. Mechatroniker/-in 4. Koch/Köchin 5. Kaufmann/-frau für Büromanagement (Sachsen, Stand: August 2025) Fehlende Passung zeigt sich oft früh 1.147 vorzeitig gelöste Ausbildungsverhältnisse im IHK-Bezirk Leipzig 2024 davon 36,5 % in der Probezeit Quellen 2 IHK zu Leipzig, interne Auswertungen. 3 IHK zu Leipzig, interne Auswertungen. 4 Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Tabellen, Arbeitsmarktreport. August 2025. 5 Bundesagentur für Arbeit. Der Ausbildungsmarkt im Berichtsjahr 2024/2025. 6 Bundesagentur für Arbeit. Bilanz zum sächsischen Ausbildungsmarkt. 7 Freistaat Sachsen. Anstieg der Zahl der Auszubildenden in der dualen Berufsausbildung im Freistaat Sachsen. 8 IHK Dresden. IHK-Unternehmen starten mit 10.883 neuen Azubis ins Ausbildungsjahr. 6 Seite AUSBILDUNG
„ICH HABE MEINE ENTSCHEIDUNG KEINE SEKUNDE BEREUT“ Wege ins Berufsleben laufen nicht immer geradlinig. Zwei Auszubildende erzählen, warum sich manchmal ein Richtungswechsel lohnt und wie wichtig Unterstützung und Zusammenhalt sind. Ihre Erfahrungen mit der Berufswahl teilen sie regelmäßig mit Schülerinnen und Schülern in ihrer Rolle als Ausbildungsbotschafter der IHK zu Leipzig. Hallo, Paul. Du bist aktuell im zweiten Ausbildungsjahr zum Kaufmann für Versicherungen und Finanzanlagen bei der Allianz. Wie kamst du zu dieser Ausbildungsstelle? Paul: Nach der Schule wollte ich eine Ausbildung bei der Polizei machen, doch das klappte aus gesundheitlichen Gründen nicht. Da es für andere Ausbildungsbewerbungen bereits zu spät war, habe ich mich für das Studium der Betriebswirtschaftslehre entschieden. Während des Studiums habe ich schnell gemerkt, dass mir eher praktische Tätigkeiten liegen. Nach langem Überlegen habe ich das Studium abgebrochen und meine aktuelle Ausbildung angefangen. Wer oder was hat deine Entscheidung für diese Ausbildung am meisten beeinflusst? Paul: Die Allianz ist überall präsent, jeder hat schon mal davon gehört. Mein Vater arbeitet auch bei der Allianz und hat immer nur Gutes erzählt. Als ich mein Studium abgebrochen habe, hat er mir einen Probetag im Unternehmen organisiert, der mich absolut überzeugt hat. Ich möchte gern länger in der Firma bleiben und dort wachsen. Als großer Arbeitgeber bietet die Allianz viele Perspektiven. Ich habe meine Entscheidung keine Sekunde bereut. Was sollen die Ausbildungsunternehmen aus deiner Sicht heutzutage bieten, um attraktiv für junge Leute zu bleiben? Paul: Ein gutes, faires Miteinander und Kommunikation auf Augenhöhe sind sehr wichtig. Außerdem finde ich es sehr gut, dass wir als Gruppe durch unsere Ausbildung gehen und uns gegenseitig unterstützen und austauschen. Ein gutes Gehalt spielt natürlich auch eine Rolle. Man möchte als junger Mensch möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen. Dafür ist die Ausbildung ein guter Weg und ich bin hier sehr zufrieden. Hallo, Mahabat! Du machst eine Ausbildung zur Kauffrau für Versicherungen und Finanzanlagen. Wie bist du zu dieser Ausbildung gekommen? Mahabat: Ich wollte erst etwas im medizinischen Bereich machen und habe darüber nachgedacht, Operationstechnische Assistentin zu werden. Leider musste ich mein Abitur abbrechen, da ich mir die Privatschule und die Prüfungen dort nicht mehr leisten konnte. Danach habe ich mich neu orientiert und bin auf Bürojobs aufmerksam geworden. Ich habe mich bei der Allianz für eine Ausbildung beworben, leider zu spät für das damalige Ausbildungsjahr. Um die Zeit zu überbrücken, wurde mir die Einstiegsqualifizierung empfohlen. Das war eine sehr gute Vorbereitung für mich, denn dadurch habe ich die Arbeitsbereiche und andere Azubis bereits kennengelernt. Ich habe schnell gemerkt, dass mir die Arbeit und der Kontakt mit Menschen viel Spaß machen. Im Anschluss konnte ich direkt bei der Allianz in die Ausbildung starten. Was macht dein Ausbildungsunternehmen besonders gut für Azubis? Mahabat: Wir bekommen sehr viel Unterstützung, sowohl fachlich als auch finanziell. Das Unternehmen übernimmt zum Beispiel die Kosten für Tablets oder Arbeitswege. Wir dürfen zusätzliche Weiterbildungen machen, die uns allgemeine Skills fürs Berufsleben vermitteln. Besonders schön finde ich die familiäre Atmosphäre im Unternehmen. Alle Mitarbeitenden sind sehr offen und hilfsbereit. Da Deutsch nicht meine Muttersprache ist, bekomme ich auch bei sprachlichen Schwierigkeiten Unterstützung und viel Motivation. Mir gefällt das Gemeinschaftsgefühl in unserer Azubi-Gruppe, weil wir wie eine Klasse viele Schritte zusammen gehen und uns gegenseitig helfen. Dadurch fühlt man sich von Anfang an willkommen und kann sich beruflich und persönlich weiterentwickeln. Seite 7 Ausbildungsbotschafter der IHK zu Leipzig Azubibotschafter geben bei Schulbesuchen und auf Messen authentische und praxisnahe Einblicke in ihren Ausbildungsalltag. Sie berichten von ihrem Weg in die Ausbildung und geben Tipps zur Berufsorientierung. Interessierte Azubis erweitern in einem dreitägigen Workshop ihre Präsentations- und Kommunikationsfähigkeiten, knüpfen wertvolle Kontakte zu anderen Azubis und Schulen und gewinnen an Motivation und Selbstvertrauen. Gleichzeitig profitieren die Unternehmen von höherer Sichtbarkeit und einer stärkeren Nähe zur Zielgruppe. Weitere Informationen finden Unternehmen mit interessierten Auszubildenden unter www.leipzig.ihk.de/azubibotschafter. INTERVIEW
Wo Ausbildung nach Karamell und Kaffee riecht Ein Besuch bei Bell Flavors & Fragrances zeigt, wie die IHK zu Leipzig Ausbildungsqualität sichert und den Ausbildungsmarkt stärkt Zu Besuch in Leipzig-Miltitz bei einem der größten Aromenhersteller Europas An einem Aprilmorgen fahren wir mit Maik Meyer auf das Gelände eines Industriekomplexes in Leipzig-Miltitz. Es riecht nach Karamell, Kaffee und Kräutern. Hier verbinden sich fast 200 Jahre Aromaindustrie mit modernster Lebensmitteltechnologie. Der Teamleiter für Aus- und Weiterbildungsberatung der IHK zu Leipzig ist zu Besuch bei Bell Flavors & Fragrances, einem der größten Aromenhersteller Europas. Zwischen Tradition und Hightech Seit 1993 produziert das Unternehmen hier auf rund 200.000 Quadratmetern ein breites Spektrum an Aromen und Duftstoffen. Im Bereich Lebensmittel und Getränke deckt Bell damit die gesamte Industrie ab, von Aromen für Snacks wie Chips über Molkereiprodukte wie Joghurt bis hin zu Softdrinks wie Cola – und entwickelt auch Duftstoffe für Kosmetik und Körperpflege, kreiert Parfums und liefert Duftlösungen für Reinigungs- und Haushaltsprodukte. Damit knüpft das Unternehmen an die lange Tradition von Schimmel & Co. an, einem Pionier der Duft- und Aromaindustrie, der bereits 1829 in Leipzig gegründet wurde. Meyer betritt den Konferenzraum – eine alte Bibliothek: „Hier in der Schimmel- Bibliothek gibt es über 30.000 Fachbücher zu Aromen und ätherischen Ölen aus dem 19. Jahrhundert“, erklärt Janine Hammer von der Unternehmenskommunikation bei Bell. Gemeinsam mit HR Business Partner Christian Volk sowie den beiden Ausbildern Daniel Szameitat (Logistik) und Thomas Bunge (Lebensmitteltechnik) beginnen wir den Rundgang. Die hoheitliche Aufgabe, vor Ort zu sein Für Meyer ist dieser Besuch Teil seiner täglichen Arbeit. Der Auftrag, Unternehmen wie Bell zu besuchen, ergibt sich für die IHK zu Leipzig aus dem Berufsbildungsgesetz (§ 76 BBiG). „Wenn ein Unternehmen neu ausbildet, müssen wir vor Ort die Ausbildereignung und Ausstattung prüfen“, erklärt er. „Ist ein fachlich und pädagogisch geeigneter Ausbilder da? Gibt es die notwendigen Gerätschaften? Können die Ausbildungsinhalte vermittelt werden?“ Bell Flavors bildet in drei Berufen aus: Fachkraft für Lagerlogistik, Fachkraft für Lebensmitteltechnik und Industriekaufleute. „Mir ist wichtig zu sehen, wo die Azubis hinkommen, welche Menschen sie betreuen und wie die Ausbildung organisiert ist“, sagt Meyer. „Das kann ich am Telefon nicht beurteilen.“ Logistik: Ordnung, Sauberkeit und Verantwortung Daniel Szameitat, Ausbilder für Lagerlogistik, führt uns durch die hellen Hallen des 2017 eröffneten Logistikgebäudes. „Hier lagern chemische Rohstoffe, Naturstoffe und Zutaten für die Aromaproduktion“, erklärt er. Etwa 70 Prozent davon gehören zu den Gefahrstoffen. „Wer hier eine Ausbildung machen möchte, sollte räumliches Vorstellungsvermögen mitbringen“, sagt Christian Volk mit Blick auf den Kollegen im Gabelstapler, der durch die engen Gänge fährt. Der Umgang mit Gefahrstoffen wird hier akribisch geschult. Die Betreuungsintensität ist hoch: „Wir bilden bewusst nur ein bis zwei Azubis pro Lehrjahr aus“, sagt Szameitat. „Als achtköpfiges Team ist es uns wichtig, einen Lehrling intensiv zu betreuen. Am besten wollen wir ihn auch übernehmen.“ Die Rechnung geht auf: Die Übernahmequote ist hoch. „Ausbildung ist auch immer nur der erste Schritt“, ergänzt Meyer. „Wer bleibt, kann sich weiterentwickeln.“ 8 Seite AUSBILDUNG
Lebensmitteltechnik: Die unsichtbare Branche Über eine Schleuse erreichen wir, mit desinfizierten Händen, Haarnetzen, Arbeitsschuhen und Schutzbrillen ausgestattet, die Produktionshalle. Die Gerüche sind so intensiv, dass man sie kaum zuordnen kann. „Wer hier arbeitet, muss Gerüche abkönnen“, sagt Thomas Bunge, Ausbilder für Lebensmitteltechnik. An den Decken verlaufen Rohre und Leitungen. Vor uns stehen riesige Extraktoren und Mischbehälter. „Das hier funktioniert wie ein großes Tee-Ei“, erklärt er und zeigt auf einen der Kübel. „Hier werden Aromen aus Naturprodukten wie Kaffee und Kräutern hergestellt.“ Passende Azubis zu finden, sei schwierig. „Manche erwarten eine Labortätigkeit, wir bereiten aber auf eine Produktionstätigkeit vor“, erklärt Volk. Zudem sei die Ausbildung sehr technisch und die Berufsschule in Dresden. „Dafür ist die Ausbildung hier sehr fundiert“, ergänzt Bunge. „Unsere Leute können danach überall in der Branche arbeiten.“ Beratung und Vermittlung Nach dem Rundgang sitzt Meyer wieder in der alten Bibliothek mit den Ausbildern zusammen. Hier geht es nicht mehr nur um formale Anforderungen, sondern um Erfahrungsaustausch. „Ich merke mir solche Beispiele“, sagt er. „Wenn ich andere Unternehmen berate, kann ich zeigen, wie man Ausbildung auch rechts und links vom Rahmenplan gestalten kann.“ Von 3.500 registrierten Ausbildungsstätten betreut die IHK zu Leipzig rund 1.700 aktive Ausbildungsbetriebe. Im vergangenen Jahr war Meyer bei 75 Unternehmen vor Ort. „Jede Firma ist anders. Manche brauchen eine kurze Beratung am Telefon, andere wünschen sich persönlichen Austausch.“ Zwischen Unternehmen und Azubis Neben der Beratung muss Meyer auch bei Konflikten zwischen Azubis und Unternehmen vermitteln. „Wir sind Interessenvertreter der Unternehmen, weil sie unsere Mitglieder sind“, erklärt Meyer. „Andererseits haben wir eine hoheitliche Aufgabe und müssen die Jugendlichen schützen.“ Bei Schwierigkeiten muss Meyer neutral bleiben „Wir hören immer beide Seiten. Notfalls suchen wir für Azubis aber auch ein neues Unternehmen.“ Bei Bell Flavors ist Meyer zum Routinebesuch. „Wenn ich von Unternehmen nichts höre, ist das meist ein gutes Zeichen“, lacht er. Netzwerke bilden – Ausbildungsmarkt stärken Seine Beobachtungen nimmt er mit – als Beispiel für andere Unternehmen. Dazu plant er mit seinem Team einen Ausbilderkreis, in dem sich Betriebe vernetzen können. „Viele Firmen wissen nicht, wie andere es machen“, sagt Meyer. „Dabei können wir nur voneinander profitieren.“ Bell Flavors könnte hier Vorbild sein. „Nach Bedarf ausbilden, sich Zeit nehmen für Unterstützung und damit langfristige Perspektiven schaffen; das ist nicht nur für die Azubis wichtig“, sagt Meyer. „Es stärkt auch den Ausbildungsmarkt insgesamt.“ Meyer verabschiedet sich von den Ausbildern. Beim Gang zum Parkplatz riecht es wieder nach Karamell und Kaffee. „Großartig, zu sehen, wie gut Ausbildung hier funktioniert.“ Daniel Szameitat und Maik Meyer (v. l. n. r.) in der großen Logistikhalle. Thomas Bunge (links) bildet in Lebensmitteltechnik aus: „Gerüche muss man hier gut abkönnen.“ Seite 9
Ausbilden fängt mit Sichtbarkeit an Wie Unternehmen in Leipzig und Wurzen Jugendliche für Ausbildung gewinnen – und warum Berufsorientierung wichtig ist Der Ausbildungsmarkt ist angespannt: Unternehmen suchen Nachwuchs, Jugendliche Orientierung. Zwei Unternehmen aus Leipzig und Wurzen zeigen, wie Ausbildung trotzdem gelingen kann. In sächsischen Betrieben entscheidet erfolgreiche duale Ausbildung längst mit darüber, ob Fachwissen im Unternehmen bleibt. Sie gelingt dort, wo Jugendliche Berufe im betrieblichen Alltag kennenlernen, in Abläufe hineinwachsen und Schritt für Schritt Verantwortung übernehmen. Doch auf dem Ausbildungsmarkt wird es schwieriger, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen: In Leipzig sowie den Landkreisen Leipzig und Nordsachsen (Kammerbezirk Leipzig) wurden 2025 insgesamt 3.128 neue Ausbildungsverträge geschlossen – 9,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig hatten 480 Bewerbende Ende August 2025 noch keinen Ausbildungsplatz, während 419 Ausbildungsstellen unbesetzt blieben. Die Zahlen zeigen: Der Ausbildungsmarkt hat ein Matchingproblem. Viele Jugendliche orientieren sich an bekannten Wunschberufen, während Unternehmen Nachwuchs für spezialisierte Berufe suchen, die erklärungsbedürftig sind. Giesecke+Devrient in Leipzig und LIFTKET in Wurzen zeigen, wie wichtig Sichtbarkeit ist, wie sie mit potenziellen Azubis ins Gespräch kommen und dass Ausbildungsberufe erklärt und nicht nur beworben werden müssen. Ein bekanntes Produkt, ein unbekannter Beruf Mitten im Leipziger Zentrum produziert Giesecke+Devrient hinter hohen Sicherheitsvorkehrungen ein Produkt, das jeder kennt: Banknoten. Die international tätige Wertpapierdruckerei bildet derzeit 26 Auszubildende in acht Ausbildungsberufen aus. Ausbildungsleiterin Ina Ullmann, seit fast 40 Jahren im Unternehmen, koordiniert gemeinsam mit Fachbereichsausbildern die gesamte Nachwuchsförderung. Gerade der Beruf Medientechnolog/in Druck (13 Auszubildende) sei wenig bekannt, sagt Thomas Kutzler, Leiter der Produktion Druck und stellvertretender Werksleiter: „Viele verbinden Druck mit einer rückläufigen Branche. Im Banknotendruck benötigen wir aber auch langfristig neue Fachkräfte.“ Für den Einstieg in die Ausbildung arbeitet das Unternehmen mit Kooperationspartnern zusammen. Azubis im Druckbereich lernen die Grundlagen im Ausbildungszentrum für Polygrafie e. V. in Chemnitz. Für andere Berufe arbeitet G+D mit weiteren namhaften Partnern in Dresden und Leipzig zusammen. Der Vorteil laut Ullmann: Dort könne man sich zu Beginn intensiver um die Jugendlichen kümmern als direkt an den großen Maschinen im eigenen Werk. Entscheidend sei, dass der Einstieg gelingt: „Wenn das nicht funktioniert, erinnert man sich immer an das, was schiefgegangen ist“, sagt sie. Berufsorientierung beginnt im Gespräch Um Jugendliche zu erreichen, ist Ullmann auf Ausbildungs- und Jobmessen unterwegs. Dort erlebt sie, wie unsicher viele Schülerinnen und Schüler sind: „Die jungen Menschen haben oft keine Vorstellungen von dem, was sie mal machen möchten.“ Laut Ullmann bräuchte Berufsorientierung in den Schulen – auch am Gymnasium – einen höheren Stellenwert. Am Messestand setzt Ullmann auf eigene Azubis. „Die können glaubwürdiger vermitteln, wie Berufsschule und Arbeitsalltag wirklich aussehen, und damit den Beruf greifbarer machen.“ Ullmann selbst kommt mit Eltern ins Gespräch, erklärt Rahmenbedingungen und Abläufe. Dabei betont sie, wie wichtig es sei, die Eltern einzubeziehen. Thomas Kutzler, Viktoria Block, Ina Ullmann (v. l. n. r.) 10 Seite AUSBILDUNG
Seite 11 Wie gut dieser direkte Austausch funktionieren kann, zeigt sich an Viktoria Block. Sie lernt im dritten Ausbildungsjahr Medientechnologin Druck und kam selbst über eine Messe zu ihrer Ausbildung. „Ich konnte mich direkt mit den Azubis austauschen und offene Fragen klären“, erzählt sie. Gerade dadurch konnte sie sich ein konkretes Bild vom Beruf machen, den sie vorher nicht kannte. Gereizt habe sie, „dass der Beruf technisch und handwerklich ist, ohne ein klassischer Handwerksberuf zu sein.“ Heute steht sie selbst am Messestand und erklärt Schülerinnen und Schülern, was sie in der Ausbildung lernt. Nach Angaben des Unternehmens wird rund die Hälfte der Ausbildungsplätze über Messen vergeben. Schon im März waren alle Stellen besetzt. Öffnung nach außen Neben Ausbildungs- und Jobmessen öffnet sich G+D auch verstärkt über Formate wie „SCHAU REIN! Woche der offenen Unternehmen Sachsen für Schülerinnen und Schüler. „Das ist eine bewusste Öffnung nach außen“, erklärt Kutzler, „vor wenigen Jahren kam hier aus Sicherheitsgründen niemand rein.“ Ergänzend arbeitet das Unternehmen eng mit Schulen und Lehrkräften zusammen. Im März 2026 wurde G+D mit dem Ausbildungszertifikat der Arbeitsagentur Leipzig ausgezeichnet. Ullmann freut sich: „Das zeigt, dass unser Engagement gesehen wird.“ Internationale Industrie aus Wurzen Auch LIFTKET in Wurzen engagiert sich in der Berufsorientierung für Jugendliche und setzt auf frühe Ansprache in Schulen. Das Familienunternehmen entwickelt Elektrokettenzüge für Industrie, Windkraft und Entertainment und ist mit elf Standorten weltweit aktiv. Dass der Hauptsitz nach wie vor in Wurzen liegt, unterstreicht seine regionale Verwurzelung: Das Unternehmen unterstützt Vereine, Sportlerinnen und Sportler und pflegt intensiven Kontakt zu Schulen und ansässigen Unternehmen. Zudem engagiert sich LIFTKET bei der regionalen Karrieremesse KaWumZ. „Wir wollen die regionalen Unternehmen hier im Fokus behalten und die eigenen Ausbildungspotenziale nutzen“, sagt Marketingleiterin Ulrike Veit. Dabei hilft der ländliche Standort: Viele Bewerbende kommen aus Wurzen oder den umliegenden Orten. „Wir gestalten die Zukunft der Region aktiv mit – als einer der größten Arbeitgeber und Steuerzahler vor Ort gehört die Förderung von Nachwuchskräften für uns ganz selbstverständlich dazu“, erklärt Franziska Pöche, Personalleiterin und mitverantwortlich für die Nachwuchsgewinnung. Aktuell bildet LIFTKET 18 Auszubildende in gewerblichen, technischen und kaufmännischen Berufen sowie zwei dual Studierende aus. Gerade die technischen Berufe seien kaum bekannt: Zerspanungsmechaniker/in oder Industriemechaniker/in müssten den jungen Menschen erklärt werden, erzählt Daniel Bräunig, Leiter Aus- und Weiterbildung. Technik zum Anfassen Dafür setzt er auf frühe Einblicke: bei Schulbesuchen, Bewerbungstrainings, Betriebsbesuchen und dem „AzubiDay“. So sollen Jugendliche besser einschätzen können, was hinter einem technischen Beruf steckt. „Die jungen Leute müssen Praxis erleben“, erklärt er. Wie das aussieht, zeigt das Projekt „LIFTKET zum Anfassen“: Hier fahren Auszubildende in Schulen und arbeiten mit Achtklässlern an einem Elektrokettenzug: auseinanderbauen, zusammensetzen, verstehen, wie Technik funktioniert. Parallel zeigen kaufmännische Azubis, wie Präsentationen oder Flyer entstehen. Nach einem ersten Ausbildungsversuch in einem holzverarbeitenden Beruf fand Jonas Voigt (links) über ein Praktikum zu LIFTKET – und zur Ausbildung zum Industriemechaniker.
„Die Betreuung übernehmen die Auszubildenden selbst. So entsteht ein direkter Austausch“, so Bräunig. Dass frühe Ansprache wirkt, zeigt sich auch bei Erna Butschke. Die angehende Industriekauffrau im ersten Lehrjahr lernte LIFTKET über ihre Schule kennen. „Ich fand toll, dass es hier in der Nähe ein international tätiges Unternehmen gibt“, sagt sie. Später möchte sie gern selbst eine der internationalen Messen begleiten. Jonas Voigt hingegen findet seinen Ausbildungsplatz über die Empfehlung eines Freundes, der selbst bei LIFTKET gelernt hat. Für den angehenden Industriemechaniker war vor allem der strukturierte Start wichtig: „Bei meiner alten Ausbildung wurde ich einfach reingeschmissen. Hier gab es Kennenlernrunden und Zeit zum Ankommen.“ Zu Beginn führt jede Ausbildung zunächst in die Lehrwerkstatt. Dort bekommen die Auszubildenden ein Grundverständnis für Material, Werkzeuge, Maschinen und Produkte, bevor sie in die Fachbereiche wechseln. Auch kaufmännische Auszubildende durchlaufen Teile der Metallgrundausbildung. „So sollen junge Menschen nicht ,einfach reingeworfen', sondern Schritt für Schritt an den Beruf herangeführt werden“, erklärt Bräunig. „Wir wollen nicht für den freien Markt ausbilden“ Ausbildungsleiterin Ina Ullmann von G+D „Wir bilden aus, um bei uns einzustellen. Ausbildung ist bei uns erst der Anfang.“ Aus- & Weiterbildungsleiter Daniel Bräunig von LIFTKET Ausbildung sichert Nachwuchs Sichtbarkeit ist für beide Unternehmen nur der erste Schritt. Entscheidend ist, ob aus interessierten Jugendlichen Auszubildende werden – und aus Auszubildenden Fachkräfte, die im Unternehmen bleiben. Gerade in spezialisierten Berufen wie dem Banknotendruck oder in der Fertigung von Elektrokettenzügen dauert es lange, bis neue Beschäftigte vollständig eingearbeitet sind. Ausbildung ist deshalb für G+D und LIFTKET vor allem eine Investition in die eigene Zukunft. „Wir wollen nicht für den freien Markt ausbilden“, sagt Ullmann von G+D. Hinter jedem Ausbildungsplatz stünden personelle und finanzielle Ressourcen. Umso wichtiger sei es, Fachkräfte nach der Ausbildung weiterzuentwickeln und im Unternehmen zu halten. Auch LIFTKET bildet mit Blick auf den eigenen Bedarf aus. Bräunig betont: „Wir bilden aus, um bei uns einzustellen. Ausbildung ist bei uns erst der Anfang.“ Die IHK zu Leipzig unterstützt Unternehmen und Jugendliche mit verschiedenen Angeboten rund um Ausbildung und Berufsorientierung. Beim Aktionstag Lehrstellen – der größten Open-Air-Veranstaltung zur beruflichen Orientierung in Mitteldeutschland – kommen Jugendliche und regionale Ausbildungsbetriebe direkt miteinander ins Gespräch. Mehr Infos: www.aktionstag-lehrstellen.de Die Aus- und Weiterbildungsberatung unterstützt Betriebe, Ausbildende und Auszubildende bei allen Fragen rund um die Ausbildung. Kontakt: Maik Meyer maik.meyer@leipzig.ihk.de Die Passgenaue Besetzung unterstützt Unternehmen und Jugendliche bei der Suche nach geeigneten Ausbildungsplätzen beziehungsweise Bewerbenden. Kontakt: Karen Marcus karen.marcus@leipzig.ihk.de Erna Butschke (links) merkte im Praktikum beim Optiker, dass ihr das Kaufmännische mehr liegt als der direkte Verkauf. 12 Seite
„Ich kenne hier jede Schraube“ Ilja Koschew ist Produktions- und Instandhaltungsleiter bei ETEX in Lippendorf. Sein Weg dorthin zeigt, was Ausbildung und Weiterbildung möglich machen. Es gab duzende Sonntagabende, die bei Ilja Koschew so aussahen: Er sitzt nach einem kurzen Wochenende am Schreibtisch, seine Kinder sind im Bett. Vor ihm liegen Schulunterlagen. Am kommenden Morgen beginnt die nächste Woche. Vollzeit. Neben der Abendschule. Neben seinem Familienleben. „Der Tag war zu kurz, die 24 Stunden, ganz ehrlich“, sagt Koschew rückblickend. Dennoch hat er sich jeden Abend wieder hingesetzt und die Schulunterlagen durchgearbeitet. „Ich musste zu Hause ein bis zwei Stunden jeden Tag lernen, sonst hätte ich den Abschluss nicht geschafft." Heute ist Koschew mit 34 Jahren verantwortlich für Produktion und Instandhaltung am ETEX-Standort Lippendorf, einem Hersteller von Trockenbaulösungen und Gipskartonplatten. Rund 71 Mitarbeitende gehören zu diesem Bereich. AUS- UND WEITERBILDUNG Seite 13
14 Seite „In manchen Kursen war ich ganz allein“ Die Anlage in Lippendorf kennt er wie kaum ein anderer: Abläufe, Schnittstellen, einzelne Stationen – und nach eigener Aussage „jede Schraube, jede Stelle, jede Position“. Als Schüler beginnt hier sein Weg. Er bewirbt sich um eine Ausbildung zum Mechatroniker am damaligen Lafarge-Gips-Standort in Lippendorf. Das Werk wurde im Jahr 2000 von Lafarge errichtet; später ging der Gipsbereich in der Marke Siniat auf. Heute gehört der Standort zur ETEX Building Performance GmbH. In manchen Kursen ist er der Einzige: „Es gab Kurse wie Steuerung oder Programmierung, da war ich allein. Ich saß vor dem Rechner und durfte die Anlage selbst programmieren.“ Rückblickend nennt er das lachend „Prinzenunterricht“. Dadurch ist er nah dran an der Technik, lernt zeitig, die Anlage allein zu bedienen, und beschäftigt sich mit der Frage, wie Prozesse genau funktionieren. Nach der Ausbildung wird er übernommen und arbeitet als Mechatroniker in der Produktion. Dort durchläuft er sämtliche Stationen der Gipskartonplattenherstellung: von Kalzinieren und Mahlen des Gipses bis hin zu Aufgaben als Kesselwärter und Schichtleiterassistenz. „Mein Interesse war immer: Wie funktionieren Prozesse, wo ist bei Störungen das Problem, was kann man verbessern?“ Ein Brief, mit dem alles anfängt … Seine Ausbildung schließt er so gut ab, dass sich die IHK zu Leipzig meldet: „Sie haben mir in einem Brief zu meinem guten Abschluss gratuliert und gefragt, ob ich nicht weitermachen möchte“, beschreibt Koschew diesen Moment. Sein damaliger Abteilungsleiter ermutigt ihn: „Genau das wollte ich Sie auch fragen." So habe alles mit diesem Brief angefangen, erinnert er sich. 2014, kaum ein Jahr nach der abgeschlossenen Ausbildung, beginnt er die Weiterbildung zum Geprüften Elektromeister beim Zentrum für Aus- und Weiterbildung (ZAW) Leipzig. Parallel arbeitet er weiter Vollzeit im Schichtbetrieb in der Produktion. Zwei- bis dreimal pro Woche Abendschule, gelegentlich samstags Unterricht. In dieser Zeit wird er Vater. Später wechselt er zurück in die Instandhaltung – und damit in die Tagschicht. „Das hat mich echt entlastet“, berichtet er. Das Unternehmen unterstützt ihn, wo es geht. Stellt ihn für die Abendschule frei, schenkt ihm großes Vertrauen. „Das hat mir starken Rückenwind gegeben.“
Seite 15 „Ich habe ein Ziel. Und wenn ich das Ziel erreiche, nehme ich mir das nächste.“ „Der IHK-Abschluss ist überall anerkannt - und das war mir wichtig.“ Immer das nächste Ziel Nach seinem Meister verantwortet Koschew zunächst die Elektrotechnik, später die komplette Instandhaltung mit Mechanik und Elektrik. Im Alter von 25 Jahren führt er erstmals einen ganzen Meisterbereich. „Das kann nicht jeder von sich behaupten“, sagt er lächelnd. Was er in seiner Führungsposition schnell lernt: „Theorie und Praxis sind trotzdem ein Unterschied.“ Auf die Frage, was ihn antreibt, antwortet er: „Ich habe ein Ziel. Und wenn ich das Ziel erreiche, nehme ich mir das nächste.“ So unaufgeregt beschreibt Koschew seinen Weg selbst. Nicht als großen Plan, sondern als Entwicklung in Etappen: Ausbildung, Meister, mehr Verantwortung. Schließlich folgt der Technische Betriebswirt. Koschews zweite Weiterbildung ist anspruchsvoll: „Der Technische Betriebswirt war noch mal eine andere Hürde“, betont er. Die Aufgaben sind weniger technisch. Es geht um Recht, Führung, Betriebswirtschaft. Dazu kommen Vollzeitjob, Familie, Lernen am Abend. Inzwischen ist Koschew zum zweiten Mal Vater geworden. Dass dieser Weg überhaupt möglich war, sagt er selbst, habe nicht nur mit Disziplin zu tun. „Wenn der Ehepartner nicht mitmacht, greifen die Zahnräder einfach nicht.“ Die Unterstützung seiner Frau sei unverzichtbar gewesen. Zwei Anläufe „Die Prüfung fiel mir ziemlich schwer“, räumt er ein. Die Durchfallquote beim Betriebswirt sei hoch. Es ist der höchste IHK-Abschluss. Koschew besteht die Prüfung nicht im ersten Anlauf. Was ihm hilft: Er kann die Prüfung noch einmal einsehen, erkennt seine Schwächen und arbeitet gezielt nach. Beim zweiten Versuch besteht er. Wichtig war ihm der Abschluss vor allem für sich selbst. „Der IHK-Abschluss ist überall anerkannt – und das war mir wichtig.“ Er habe seine Position auch fachlich rechtfertigen wollen: „Ich wollte nicht, dass mich hinterher jemand fragt: Wie bist du auf diese Position gekommen?“ Für das Unternehmen ist sein Weg auch deshalb wertvoll, weil er den Standort von Grund auf kennt. Für ihn ist genau das ein Vorteil: Wer Produktion und Instandhaltung selbst durchlaufen hat, beurteilt Abläufe, Probleme und Schnittstellen anders als jemand, der von außen in Führung kommt. Gelerntes selbst weitergeben Inzwischen gibt Koschew sein Wissen selbst weiter. Über die Jahre hat er rund dreißig Auszubildende begleitet: Mechatroniker, Fachkräfte für Lagerlogistik, Verfahrensmechaniker Steine und Erden. ETEX bildet nach Bedarf aus. Koschew betont: „Die Mitarbeitenden, die ich qualifiziere und ausbilde, will ich auch hierbehalten.“ Wichtig ist ihm, dass Ausbildung immer auch Verantwortung für die Entwicklung junger Menschen bedeutet. Dass sich Nachwuchsgewinnung verändert hat, ist auch bei ETEX ein wichtiges Thema. Früher, sagt er, habe ein Zeitungsartikel zur Stellenausschreibung gereicht. Heute müssten Unternehmen aktiver werden, auf Messen präsent sein, Berufe erklären und Praktika anbieten. Denn viele junge Leute wüssten nicht genau, was sich hinter bestimmten Berufen verberge. Gerade deshalb hält er es für wichtig, Einblicke zu ermöglichen – so früh und so konkret wie möglich. Der lange Weg durch die Hallen Ilja Koschew führt uns am Ende des Gesprächs durch die Produktionshallen, begrüßt Mitarbeitende und Auszubildende, zeigt uns, wo er selbst einmal angefangen hat. Über Karriere spricht er dabei nicht. Ihm geht es um Arbeit, Abläufe, Verantwortung: „So eine Position erfüllt man nicht nur nach bestem Gewissen, sondern man versucht, einen Schritt mehr zu machen.“ Ilja Koschew (links) beginnt bei ETEX in Lippendorf als Mechatroniker-Azubi. Heute verantwortet er dort Produktion und Instandhaltung.
Von der Wirtschaft. Für die Wirtschaft. Wie das Prüfungswesen der IHK zu Leipzig funktioniert – und warum Unternehmen dabei selbst Verantwortung übernehmen Im Raum ist es still. Papier raschelt, Stifte kratzen, Köpfe rauchen. Vor den Prüflingen liegen Aufgaben, für die sie monatelang gelernt haben. Jetzt zählt, ob Fachwissen sitzt, Zusammenhänge verstanden wurden und Entscheidungen nachvollziehbar begründet werden können. Auch für die Prüfer und Prüferinnen beginnt die Vorbereitung auf Termine wie diesen lange vor dem Austeilen der Prüfungsbögen. Dahinter steht ein System, das verlässliche Abläufe mit Fachwissen aus der Wirtschaft verbindet und genau daraus seine besondere Stärke zieht: Unternehmen bilden nicht nur aus, sondern wirken zudem an der Prüfung des Fachkräftenachwuchses mit. Rund 12.000 Aus- und Fortbildungsprüfungen finden jedes Jahr im Kammerbezirk Leipzig statt. Die IHK übernimmt damit zentrale hoheitliche Aufgaben, die der Staat an sie übertragen hat. Sie organisiert den rechtssicheren Rahmen, koordiniert Abläufe und gewährleistet, dass Prüfungen vergleichbar, fair und nachvollziehbar stattfinden. Die fachliche Bewertung liegt im Wesentlichen bei den rund 1.800 ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfern, die in etwa 300 Prüfungsausschüssen mitwirken und vier bis fünf Tage pro Kalenderjahr sachkundig im Einsatz sind. Ein Prüfungsausschuss setzt sich in der Regel aus mindestens drei Mitgliedern zusammen: Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite sind gleich stark vertreten, ergänzt durch mindestens eine Lehrkraft einer berufsbildenden Schule. So treffen betriebliche Anforderungen, berufliche Erfahrung und pädagogische Blickwinkel aufeinander. Bis die Prüfungsunterlagen auf den Tischen liegen, haben sie bereits einen langen Weg hinter sich. Viele schriftliche Inhalte entstehen überregional. Für kaufmännische und kaufmännischverwandte Berufe kommen sie von der Aufgabenstelle für kaufmännische Abschluss- und Zwischenprüfungen (AkA). Für gewerblich-technische Ausbildungsberufe entwickelt die Prüfungsaufgaben- und Lehrmittelentwicklungsstelle (PAL) der IHK Region Stuttgart entsprechende Materialien. Dabei gelten hohe Anforderungen: Die Inhalte müssen aktuell sowie fachlich sauber sein und vertraulich bleiben. Chancengleichheit bedeutet, dass alle Prüflinge zum selben Zeitpunkt mit denselben zuvor unbekannten Aufgaben starten. Je nach Beruf können Prüfungen schriftliche, mündliche und praktische Bestandteile umfassen. In kaufmännischen Berufen stehen Fallaufgaben, Berechnungen oder Präsentationen im Mittelpunkt. In anderen Bereichen zählen Fachgespräche, Dokumentationen, Projektarbeiten oder praktische Arbeitsproben. Oft ist nach der schriftlichen Prüfung also noch nicht Schluss; dann geht es darum, Lösungen zu erklären und berufliches Handeln nachvollziehbar zu machen. Das Prüfungswesen der IHK reicht dabei weit über die klassische Berufsausbildung hinaus. Auch Fortbildungs- sowie Fach- und Sachkundeprüfungen gehören dazu; entsprechend vielfältig sind Abläufe, Anforderungen und Formate. Damit aus Vorbereitung, Aufgaben und Bewertung der Prüfungen ein verlässlicher Abschluss wird, braucht es viel Koordination im Hintergrund. Gleichzeitig verändern neue Berufsbilder, digitale Formate und Anforderungen aus den Betrieben das Prüfungswesen laufend weiter. Genau diese Nähe zum Berufsalltag macht aus IHK-Prüfungen mehr als einen formalen Abschluss. „Prüfungen sind kein Verwaltungsakt. Sie zeigen, ob Wissen in der beruflichen Praxis trägt.“ 1.800 EHRENAMTLICHE PRÜFER:INNEN 300 PRÜFUNGSAUSSCHÜSSE 4-5 TAGE PRO JAHR Ihr Fachwissen ist gefragt – werden auch Sie Teil unseres Prüfungsteams. Wir freuen uns auf Ihr Engagement. Patricia Siebert +49 341 1267-1350 patricia.siebert@leipzig.ihk.de 16 Seite EHRENAMT
„Prüfen heißt Verantwortung tragen“ Ein Gespräch mit Patricia Siebert, Abteilungsleiterin Prüfungsorganisation der IHK zu Leipzig Was macht für Sie persönlich den besonderen Reiz am Prüfungswesen aus? Patricia Siebert: Hinter jeder Prüfung steht ein Mensch, der viel Einsatz gezeigt hat und auf ein konkretes Ziel hinarbeitet. Das macht unsere Aufgabe so verantwortungsvoll: Wir müssen einen Rahmen schaffen, der fair, verlässlich und für alle nachvollziehbar ist. Gleichzeitig ist das Prüfungswesen sehr lebendig. Es lebt vom Engagement der vielen ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfer, die ihre Erfahrung und Zeit einbringen. Und es lebt von meinem Team, das jeden Tag mit großer Tatkraft dafür sorgt, dass die Abläufe funktionieren. Diese Mischung aus Verantwortung, Zusammenarbeit und ständigem Wandel macht die Arbeit für mich so spannend. Was zeichnet die Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfern konkret aus? Worin liegt deren Motivation? Siebert: Da ist sehr viel gegenseitiger Respekt im Spiel. Wir arbeiten auf Augenhöhe zusammen, bringen verschiedene Perspektiven ein und verfolgen dasselbe Ziel: Prüfungen fair, praxisnah und qualitativ hochwertig durchzuführen. Viele Prüferinnen und Prüfer möchten etwas zurückgeben. Sie haben selbst von einem funktionierenden Ausbildungssystem profitiert und geben nun ihr Wissen weiter. Gleichzeitig können sie ihr eigenes Berufsfeld mitgestalten und bleiben im Austausch mit anderen Fachleuten. Man spürt hier oft eine echte Begeisterung für den eigenen Beruf. Diesen Erfahrungsschatz zu teilen und junge oder neue Fachkräfte auf ihrem Weg zu begleiten, ist für viele ein wesentlicher Antrieb. „IHK-Abschlüsse tragen den Blick der Wirtschaft in sich: praxisnah, vergleichbar und fachlich belastbar.“ Wie gehen Sie damit um, dass sich Berufe und Anforderungen ständig verändern? Siebert: Dieser Wandel gehört längst zu unserem Alltag. Neue Berufsbilder wie Gestalter/in für immersive Medien zeigen, wie grundlegend Digitalisierung und technologische Entwicklungen die Arbeitswelt verändern. Gleichzeitig werden Themen wie Nachhaltigkeit in fast allen Bereichen wichtiger und fließen zunehmend in bestehende Ausbildungsberufe ein. Besonders sichtbar ist die Dynamik auch bei den IT-Berufen, wo die Prüflingszahlen seit Jahren kontinuierlich steigen. Für uns heißt das: Wir müssen Prüfungen regelmäßig weiterentwickeln und die Inhalte konsequent an der Praxis ausrichten. Das verlangt auch von uns, offen zu bleiben, dazuzulernen und die eigenen Abläufe immer wieder zu überprüfen. Was braucht es, damit das Prüfungssystem auch in Zukunft verlässlich bleibt? Siebert: Verlässlich wird es vor allem durch die Menschen, die es tragen. Ohne das Engagement der ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfer wäre es nicht denkbar. Sie bringen Fachkompetenz, Erfahrung und professionelles Urteilsvermögen ein. Digitale Formate werden künftig sicher wichtiger. Sie können vieles moderner und effizienter machen. Stark wird das System aber erst im Zusammenspiel mit fachlicher Expertise, die eine Leistung mit Augenmaß einordnet und bewertet, und der Bereitschaft, neue Wege mitzugehen, ohne dabei den Kern aus dem Blick zu verlieren: den Menschen. Seite 17 INTERVIEW
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