Ausbildung braucht mehr als gute Absichten Ein Gespräch mit IHK-Präsident und Unternehmer Kristian Kirpal Herr Kirpal, welche Rolle spielt die duale Ausbildung für die wirtschaftliche Stabilität einer Region wie Leipzig? Kristian Kirpal: Das ist nicht nur ein Leipziger Thema, sondern ein grundsätzliches. Für viele Unternehmen, gerade für kleine und mittlere Betriebe, ist die duale Ausbildung der wichtigste Weg, um Fachkräfte zu gewinnen. Große Unternehmen können Personal oft über mehrere Kanäle suchen, auch international. Für kleinere Betriebe ist das schwieriger. Dort begleitet man junge Menschen von Anfang an, baut sie fachlich auf und führt sie an das eigene Unternehmen heran. Wo unterscheiden sich die Stadt Leipzig und die umliegenden Landkreise beim Thema Ausbildung? Kirpal: Stadt und Land haben unterschiedliche Voraussetzungen. In Leipzig wirkt vieles dichter: Betriebe, Berufsschulen, Freizeitangebote, öffentlicher Nahverkehr. Die Landkreise haben andere Stärken. Viele Betriebe sind fest in Gemeinden, Vereinen und persönlichen Netzwerken verankert – man kennt sich. Diese Nähe kann Bindung schaffen. Wichtig ist, die Rahmenbedingungen mitzudenken. Kompliziert kann es beispielsweise dann werden, wenn Wohnort, Ausbildungsplatz und Berufsschule weit auseinanderliegen oder Verbindungen ungünstig getaktet sind. Viele Azubis sind zu Beginn noch nicht volljährig. Dann geht es auch um sozialpädagogische Betreuung und verlässliche Strukturen in den Unterkünften. Der Ausbildungsmarkt ist angespannt. Wie stabil ist das duale System unter diesen Vorzeichen? Kirpal: Ich würde nicht von mangelnder Ausbildungsbereitschaft sprechen. Viele Unternehmen wollen ausbilden. Die Frage ist eher, was sie sich in der aktuellen wirtschaftlichen Lage leisten können. Ausbildung kostet Geld, besonders am Anfang. Wenn Betriebe vorsichtiger planen müssen, überlegen sie genauer, was sie sich leisten können. Hinzu kommt ein Matching-Problem. Jugendliche konzentrieren sich oft auf bestimmte Berufe, während andere kaum wahrgenommen werden. Dann gibt es in einigen Bereichen viele Bewerbungen, anderswo bleiben Plätze frei. Es geht also nicht nur um Zahlen, sondern darum, ob Erwartungen, Berufsbilder und betriebliche Realität zusammenpassen. Der Schlüssel ist eine Berufsorientierung, die früher ansetzt und verlässlich finanziert ist. Jugendliche müssen erleben, was ein Beruf bedeutet. Eine Liste mit Ausbildungsberufen reicht nicht. Sie müssen sehen, wie ein Unternehmen funktioniert und welche Wege sich dadurch ergeben können. Mit „Lernen im Betrieb“ gibt es in Wermsdorf ein Projekt, das unter anderem von Ihrem Unternehmen KET Kirpal Energietechnik mit angestoßen wurde. Was macht diesen Ansatz aus? Kirpal: Das Entscheidende ist die Verbindlichkeit. Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse gehen über ein Schuljahr hinweg alle zwei Wochen einen Tag in ein Unternehmen vor Ort. Dazu gehört auch ein echter Bewerbungsprozess. Was mich dabei überzeugt, ist die Tiefe. Die Jugendlichen verstehen konkret, welche Berufe es gibt und welche Wege mit einer Ausbildung beginnen können. Sie bekommen eine echte Vorstellung davon, worauf sie sich einlassen. Das kann helfen, spätere Enttäuschungen zu vermeiden, und das Risiko von Ausbildungsabbrüchen senken. Das duale System gilt als erfolgreich, weil es nah am Bedarf der Wirtschaft ist. Reicht diese Anpassungsfähigkeit noch aus? Kirpal: Grundsätzlich ist das System tragfähig. Aber wir brauchen Veränderungen, und zwar schneller. Wenn sich Arbeitsmethoden durch Digitalisierung, Automatisierung oder Robotik verändern, muss sich das in den Berufsbildern widerspiegeln. Das betrifft längst nicht nur die Industrie, sondern auch Handwerk und Dienstleistungen. Die Anpassung dauert oft lange, weil vieles gesetzlich und politisch abgestimmt werden muss. Aus meiner Sicht braucht es hier mehr Mut, Entscheidungen zu treffen und bei Bedarf später nachzusteuern. Wir können Veränderungen nicht mehr in Dekaden denken. Auch die Berufsschulnetzplanung für Sachsen gehört dazu: Wir dürfen den ländlichen Raum nicht abhängen, müssen aber realistisch bleiben. Nicht überall kann alles angeboten werden. Wichtig ist, dass Berufsschulen und Unternehmen räumlich und fachlich sinnvoll zusammenpassen. Sie sind selbst Unternehmer, haben eine technische Ausbildung gemacht und später studiert. Wie prägt das Ihren Blick auf Ausbildung heute? Kirpal: Mit der Erfahrung von heute würde ich es wieder so machen. Die Ausbildung war für mich eine sehr gute Grundlage. Die Verbindung aus Arbeit im Unternehmen und theoretischem Lernen hat mir auch später im Studium geholfen. Seite 5 INTERVIEW
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