Wo Ausbildung nach Karamell und Kaffee riecht
07. Oktober 2026An einem Aprilmorgen fahren wir mit Maik Meyer auf das Gelände eines Industriekomplexes in Leipzig-Miltitz. Es riecht nach Karamell, Kaffee und Kräutern. Hier verbinden sich fast 200 Jahre Aromaindustrie mit modernster Lebensmitteltechnologie. Der Teamleiter für Aus- und Weiterbildungsberatung der IHK zu Leipzig ist zu Besuch bei Bell Flavors & Fragrances, einem der größten Aromenhersteller Europas.
Zwischen Tradition und Hightech
Seit 1993 produziert das Unternehmen hier auf rund 200.000 Quadratmetern ein breites Spektrum an Aromen und Duftstoffen. Im Bereich Lebensmittel und Getränke deckt Bell damit die gesamte Industrie ab, von Aromen für Snacks wie Chips über Molkereiprodukte wie Joghurt bis hin zu Softdrinks wie Cola – und entwickelt auch Duftstoffe für Kosmetik und Körperpflege, kreiert Parfums und liefert Duftlösungen für Reinigungs- und Haushaltsprodukte. Damit knüpft das Unternehmen an die lange Tradition von Schimmel & Co. an, einem Pionier der Duft- und Aromaindustrie, der bereits 1829 in Leipzig gegründet wurde.
Meyer betritt den Konferenzraum – eine alte Bibliothek: „Hier in der Schimmel-Bibliothek gibt es über 30.000 Fachbücher zu Aromen und ätherischen Ölen aus dem 19. Jahrhundert“, erklärt Janine Hammer von der Unternehmenskommunikation bei Bell. Gemeinsam mit HR Business Partner Christian Volk sowie den beiden Ausbildern Daniel Szameitat (Logistik) und Thomas Bunge (Lebensmitteltechnik) beginnen wir den Rundgang.
Die hoheitliche Aufgabe, vor Ort zu sein
Für Meyer ist dieser Besuch Teil seiner täglichen Arbeit. Der Auftrag, Unternehmen wie Bell zu besuchen, ergibt sich für die IHK zu Leipzig aus dem Berufsbildungsgesetz (§ 76 BBiG). „Wenn ein Unternehmen neu ausbildet, müssen wir vor Ort die Ausbildereignung und Ausstattung prüfen“, erklärt er. „Ist ein fachlich und pädagogisch geeigneter Ausbilder da? Gibt es die notwendigen Gerätschaften? Können die Ausbildungsinhalte vermittelt werden?“
Bell Flavors bildet in drei Berufen aus: Fachkraft für Lagerlogistik, Fachkraft für Lebensmitteltechnik und Industriekaufleute. „Mir ist wichtig zu sehen, wo die Azubis hinkommen, welche Menschen sie betreuen und wie die Ausbildung organisiert ist“, sagt Meyer. „Das kann ich am Telefon nicht beurteilen.“
Logistik: Ordnung, Sauberkeit und Verantwortung
Daniel Szameitat, Ausbilder für Lagerlogistik, führt uns durch die hellen Hallen des 2017 eröffneten Logistikgebäudes. „Hier lagern chemische Rohstoffe, Naturstoffe und Zutaten für die Aromaproduktion“, erklärt er. Etwa 70 Prozent davon gehören zu den Gefahrenstoffen. „Wer hier eine Ausbildung machen möchte, sollte räumliches Vorstellungsvermögen mitbringen“, sagt Christian Volk, HR Business Partner bei Bell mit Blick auf den Kollegen im Gabelstapler, der durch die engen Gänge fährt. Der Umgang mit Gefahrstoffen wird hier akribisch geschult.
Die Betreuungsintensität ist hoch: „Wir bilden bewusst nur ein bis zwei Azubis pro Lehrjahr aus“, sagt Szameitat. „Als achtköpfiges Team ist es uns wichtig, einen Lehrling intensiv zu betreuen. Am besten wollen wir ihn auch übernehmen.“ Die Rechnung geht auf: Die Übernahmequote ist hoch. „Ausbildung ist auch immer nur der erste Schritt“, ergänzt Meyer. „Wer bleibt, kann sich weiterentwickeln.“
Lebensmitteltechnik: Die unsichtbare Branche
Über eine Schleuse erreichen wir, mit desinfizierten Händen, Haarnetzen, Schutzbrillen und Arbeitsschuhen ausgestattet, die Produktionshalle. Die Gerüche sind so intensiv, dass man sie kaum zuordnen kann. „Wer hier arbeitet, muss Gerüche abkönnen“, sagt Thomas Bunge, Ausbilder für Lebensmitteltechnik.
An den Decken verlaufen Rohre und Leitungen. Vor uns stehen riesige Extraktoren und Mischbehälter. „Das hier funktioniert wie ein großes Tee-Ei“, erklärt er und zeigt auf einen der Kübel. „Hier werden Aromen aus Naturprodukten wie Kaffee und Kräutern hergestellt.“
Passende Azubis zu finden, sei schwierig. „Manche erwarten eine Labortätigkeit, wir bereiten aber auf eine Produktionstätigkeit vor“, erklärt Volk. Zudem sei die Ausbildung sehr technisch und die Berufsschule in Dresden. „Dafür ist die Ausbildung hier sehr fundiert“, ergänzt Bunge. „Unsere Leute können danach überall in der Branche arbeiten.“
Beratung und Vermittlung
Nach dem Rundgang sitzt Meyer wieder in der alten Bibliothek mit den Ausbildern zusammen. Hier geht es nicht mehr nur um formale Anforderungen, sondern um Erfahrungsaustausch. „Ich merke mir solche Beispiele“, sagt er. „Wenn ich andere Unternehmen berate, kann ich zeigen, wie man Ausbildung auch rechts und links vom Rahmenplan gestalten kann.“
Von 3.500 registrierten Ausbildungsstätten betreut die IHK zu Leipzig rund 1.700 aktive Ausbildungsbetriebe. Im vergangenen Jahr war Meyer bei 75 Unternehmen vor Ort. „Jede Firma ist anders. Manche brauchen eine kurze Beratung am Telefon, andere wünschen sich persönlichen Austausch.“
Zwischen Unternehmen und Azubis
Neben der Beratung muss Meyer auch bei Konflikten zwischen Azubis und Unternehmen vermitteln. „Wir sind Interessenvertreter der Unternehmen, weil sie unsere Mitglieder sind“, erklärt Meyer. „Andererseits haben wir eine hoheitliche Aufgabe und müssen die Jugendlichen schützen.“ Bei Schwierigkeiten muss Meyer neutral bleiben „Wir hören immer beide Seiten. Notfalls suchen wir für Azubis aber auch ein neues Unternehmen.“
Bei Bell Flavors ist Meyer zum Routinebesuch. „Wenn ich von Unternehmen nichts höre, ist das meist ein gutes Zeichen“, lacht er.
Netzwerke bilden – Ausbildungsmarkt stärken
Seine Beobachtungen nimmt er mit – als Beispiel für andere Unternehmen. Dazu plant er mit seinem Team einen Ausbilderkreis, in dem sich Betriebe vernetzen können. „Viele Firmen wissen nicht, wie andere es machen“, sagt Meyer. „Dabei können wir nur voneinander profitieren.“
Bell Flavors könnte hier Vorbild sein. „Nach Bedarf ausbilden, sich Zeit nehmen für Unterstützung und damit langfristige Perspektiven schaffen; das ist nicht nur für die Azubis wichtig“, sagt Meyer. „Es stärkt auch den Ausbildungsmarkt insgesamt.“
Meyer verabschiedet sich von den Ausbildern. Beim Gang zum Parkplatz riecht es wieder nach Karamell und Kaffee. „Großartig, zu sehen, wie gut Ausbildung hier funktioniert.“
Bei Fragen hilft Ihnen Sara Holitschke gerne weiter.
T: +49 341 1267-1129
F: +49 341 1267-1474
E: sara.holitschkenoSpam@leipzig.ihk.de