"Ich kenne hier jede Schraube"
09. September 2026Es gab dutzende Sonntagabende, die bei Ilja Koschew so aussahen: Er sitzt nach einem kurzen Wochenende am Schreibtisch, seine Kinder sind im Bett. Vor ihm liegen Schulunterlagen. Am kommenden Morgen beginnt die nächste Woche. Vollzeit. Neben der Abendschule. Neben seinem Familienleben. „Der Tag war zu kurz, die 24 Stunden, ganz ehrlich“, sagt Koschew rückblickend. Dennoch hat er sich jeden Abend wieder hingesetzt und die Schulunterlagen durchgearbeitet.
„Ich musste zu Hause ein bis zwei Stunden jeden Tag lernen, sonst hätte ich den Abschluss nicht geschafft." Heute ist Koschew mit 34 Jahren verantwortlich für Produktion und Instandhaltung am ETEX-Standort Lippendorf, einem Hersteller von Trockenbaulösungen und Gipskartonplatten. Rund 71 Mitarbeitende gehören zu diesem Bereich.
„In manchen Kursen war ich ganz allein“
Die Anlage in Lippendorf kennt er wie kaum ein anderer: Abläufe, Schnittstellen, einzelne Stationen – und nach eigener Aussage „jede Schraube, jede Stelle, jede Position“. Als Schüler beginnt hier sein Weg. Er bewirbt sich um eine Ausbildung zum Mechatroniker am damaligen Lafarge-Gips-Standort in Lippendorf. Das Werk wurde im Jahr 2000 von Lafarge errichtet; später ging der Gipsbereich in der Marke Siniat auf. Heute gehört der Standort zur ETEX Building Performance GmbH.
In manchen Kursen ist er der Einzige: „Es gab Kurse wie Steuerung oder Programmierung, da war ich allein. Ich saß vor dem Rechner und durfte die Anlage selbst programmieren.“ Rückblickend nennt er das lachend „Prinzenunterricht“. Dadurch ist er nah dran an der Technik, lernt zeitig, die Anlage allein zu bedienen, und beschäftigt sich mit der Frage, wie Prozesse genau funktionieren.
Nach der Ausbildung wird er übernommen und arbeitet als Mechatroniker in der Produktion. Dort durchläuft er sämtliche Stationen der Gipskartonplattenherstellung: von Kalzinieren und Mahlen des Gipses bis hin zu Aufgaben als Kesselwärter und Schichtleiterassistenz. „Mein Interesse war immer: Wie funktionieren Prozesse, wo ist bei Störungen das Problem, was kann man verbessern?“
Ein Brief, mit dem alles anfängt …
Seine Ausbildung schließt er so gut ab, dass sich die IHK zu Leipzig meldet: „Sie haben mir in einem Brief zu meinem guten Abschluss gratuliert und gefragt, ob ich nicht weitermachen möchte“, beschreibt Koschew diesen Moment. Sein damaliger Abteilungsleiter ermutigt ihn: „Genau das wollte ich Sie auch fragen." So habe alles mit diesem Brief angefangen, erinnert er sich.
2014, kaum ein Jahr nach der abgeschlossenen Ausbildung, beginnt er die Weiterbildung zum Geprüften Elektromeister beim Zentrum für Aus- und Weiterbildung (ZAW) Leipzig. Parallel arbeitet er weiter Vollzeit im Schichtbetrieb in der Produktion. Zwei- bis dreimal pro Woche Abendschule, gelegentlich samstags Unterricht. In dieser Zeit wird er Vater. Später wechselt er zurück in die Instandhaltung – und damit in die Tagschicht. „Das hat mich echt entlastet“, berichtet er.
Das Unternehmen unterstützt ihn, wo es geht. Stellt ihn für die Abendschule frei, schenkt ihm großes Vertrauen. „Das hat mir starken Rückenwind gegeben.“
Immer das nächste Ziel
Nach seinem Meister verantwortet Koschew zunächst die Elektrotechnik, später die komplette Instandhaltung mit Mechanik und Elektrik. Im Alter von 25 Jahren führt er erstmals einen ganzen Meisterbereich. „Das kann nicht jeder von sich behaupten“, sagt er lächelnd. Was er in seiner Führungsposition schnell lernt: „Theorie und Praxis sind trotzdem ein Unterschied.“
Auf die Frage, was ihn antreibt, antwortet er: „Ich habe ein Ziel. Und wenn ich das Ziel erreiche, nehme ich mir das nächste.“ So unaufgeregt beschreibt Koschew seinen Weg selbst. Nicht als großen Plan, sondern als Entwicklung in Etappen: Ausbildung, Meister, mehr Verantwortung. Schließlich folgt der Technische Betriebswirt.
Koschews zweite Weiterbildung ist anspruchsvoll: „Der Technische Betriebswirt war noch mal eine andere Hürde“, betont er. Die Aufgaben sind weniger technisch. Es geht um Recht, Führung, Betriebswirtschaft. Dazu kommen Vollzeitjob, Familie, Lernen am Abend. Inzwischen ist Koschew zum zweiten Mal Vater geworden. Dass dieser Weg überhaupt möglich war, sagt er selbst, habe nicht nur mit Disziplin zu tun. „Wenn der Ehepartner nicht mitmacht, greifen die Zahnräder einfach nicht.“ Die Unterstützung seiner Frau sei unverzichtbar gewesen.
Zwei Anläufe
„Die Prüfung fiel mir ziemlich schwer“, räumt er ein. Die Durchfallquote beim Betriebswirt sei hoch. Es ist der höchste IHK-Abschluss. Koschew besteht die Prüfung nicht im ersten Anlauf. Was ihm hilft: Er kann die Prüfung noch einmal einsehen, erkennt seine Schwächen und arbeitet gezielt nach. Beim zweiten Versuch besteht er. Wichtig war ihm der Abschluss vor allem für sich selbst. „Der IHK-Abschluss ist überall anerkannt – und das war mir wichtig.“ Er habe seine Position auch fachlich rechtfertigen wollen: „Ich wollte nicht, dass mich hinterher jemand fragt: Wie bist du auf diese Position gekommen?“
Für das Unternehmen ist sein Weg auch deshalb wertvoll, weil er den Standort von Grund auf kennt. Für ihn ist genau das ein Vorteil: Wer Produktion und Instandhaltung selbst durchlaufen hat, beurteilt Abläufe, Probleme und Schnittstellen anders als jemand, der von außen in Führung kommt.
Gelerntes selbst weitergeben
Inzwischen gibt Koschew sein Wissen selbst weiter. Über die Jahre hat er rund dreißig Auszubildende begleitet: Mechatroniker, Fachkräfte für Lagerlogistik, Verfahrensmechaniker Steine und Erden. ETEX bildet nach Bedarf aus. Koschew betont: „Die Mitarbeitenden, die ich qualifiziere und ausbilde, will ich auch hierbehalten.“ Wichtig ist ihm, dass Ausbildung immer auch Verantwortung für die Entwicklung junger Menschen bedeutet.
Dass sich Nachwuchsgewinnung verändert hat, ist auch bei ETEX ein wichtiges Thema. Früher, sagt er, habe ein Zeitungsartikel zur Stellenausschreibung gereicht. Heute müssten Unternehmen aktiver werden, auf Messen präsent sein, Berufe erklären und Praktika anbieten. Denn viele junge Leute wüssten nicht genau, was sich hinter bestimmten Berufen verberge. Gerade deshalb hält er es für wichtig, Einblicke zu ermöglichen – so früh und so konkret wie möglich.
Der lange Weg durch die Hallen
Ilja Koschew führt uns am Ende des Gesprächs durch die Produktionshallen, begrüßt Mitarbeitende und Auszubildende, zeigt uns, wo er selbst einmal angefangen hat. Über Karriere spricht er dabei nicht. Ihm geht es um Arbeit, Abläufe, Verantwortung: „So eine Position erfüllt man nicht nur nach bestem Gewissen, sondern man versucht, einen Schritt mehr zu machen.“
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