Wie sich Unternehmen jetzt in die Wirtschaftspolitik einbringen können
20. Juli 2026Die IHK zu Leipzig überarbeitet ihre wirtschaftspolitischen Positionen. Sie bilden die Grundlage dafür, wie die IHK die Interessen der regionalen Wirtschaft gegenüber Politik und Verwaltung vertritt. Im Interview erklärt Gerrit Sandmann, Teamleiter Standortpolitik der IHK zu Leipzig, warum die Aktualisierung gerade jetzt wichtig ist, welche Themen Unternehmen einbringen können und wie sie sich am Prozess beteiligen.
WIRTSCHAFT ONLINE: Herr Sandmann, die IHK zu Leipzig überarbeitet derzeit ihre wirtschaftspolitischen Positionen. Was versteht man darunter – und welche Funktion haben diese Positionen für die Arbeit der IHK?
Sandmann: Die wirtschaftspolitischen Positionen bilden das wirtschaftspolitische Grundsatzprogramm der IHK zu Leipzig. Darin bündeln wir die Interessen und Erwartungen der regionalen Wirtschaft und leiten daraus konkrete Forderungen und Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung ab. Für unsere tägliche Arbeit in der Interessenvertretung sind sie ein wichtiger Orientierungsrahmen. Zugleich schaffen sie eine verlässliche, durch Beschluss der IHK-Vollversammlung legitimierte Grundlage, um die Anliegen der Unternehmen gegenüber Entscheidungsträgern auf allen politischen Ebenen zu vertreten. Die Positionen werden regelmäßig aktualisiert, um wirtschaftspolitische Entwicklungen abzubilden und Forderungen für die Zukunft klar formulieren zu können.
WIRTSCHAFT ONLINE: Warum wird das Papier gerade jetzt überarbeitet und welche Entwicklungen machen das notwendig?
Sandmann: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich derzeit sehr dynamisch. Unternehmen stehen vor einer Vielzahl neuer Herausforderungen – vom Fachkräftemangel über die digitale und nachhaltige Transformation bis hin zu steigenden Energie-, Arbeits- und Bürokratiekosten. Zudem bringen Bund und Land gerade einige wichtige Reformvorhaben auf den Weg. Hierzu muss eine IHK sprachfähig sein.
In den vergangenen Jahren haben sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen grundlegend verändert. Die Auswirkungen der Pandemie, geopolitische Krisen, gestiegene Energiepreise, zunehmende regulatorische Anforderungen und die beschleunigte Digitalisierung haben viele Betriebe vor große Herausforderungen gestellt. Gleichzeitig gewinnen Themen wie Fachkräftesicherung, Innovation, Nachhaltigkeit und Resilienz weiter an Bedeutung. Diese Entwicklungen müssen sich in den wirtschaftspolitischen Positionen wiederfinden, damit sie die Realität der Unternehmen bestmöglich abbilden. Hinzu wächst der Handlungsdruck für die Politik, wirksame wirtschaftspolitische Maßnahmen umzusetzen, weil sich kein Ende der seit 2019 anhaltenden Wirtschaftskrise abzeichnet. Dabei haben wir es zunehmend mit strukturellen Problemen zu tun, deren Behebung in den wirtschaftspolitischen Positionen adressiert werden muss.
Die Erfahrungen der Unternehmen sind die wichtigste Grundlage.
WIRTSCHAFT ONLINE: Wie fließen die Erfahrungen der Unternehmen aus der Region in diesen Prozess ein und wie können sie sich beteiligen?
Sandmann: Die Erfahrungen der Unternehmen sind die wichtigste Grundlage für die Überarbeitung. Deshalb setzen wir bewusst auf einen breit angelegten Beteiligungsprozess. Unternehmen können ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Vorschläge direkt einbringen – insbesondere über unser Beteiligungstool, aber auch über Veranstaltungen, die Gremienarbeit oder den direkten Austausch mit der IHK. Uns ist wichtig, möglichst viele Perspektiven aus unterschiedlichen Branchen und Unternehmensgrößen zu berücksichtigen.
Je breiter die Beteiligung, desto praxisnäher die Ergebnisse.
WIRTSCHAFT ONLINE: Warum ist es wichtig, dass sich möglichst viele Unternehmen an diesem Prozess beteiligen?
Sandmann: Die IHK vertritt die Interessen der gesamten regionalen Wirtschaft. Damit unsere Positionen diese Aufgabe bestmöglich erfüllen können, brauchen wir die Erfahrungen und Einschätzungen der Unternehmen. Je breiter die Beteiligung ausfällt, desto fundierter und praxisnäher werden die Ergebnisse. Gleichzeitig stärkt eine große Beteiligung die Legitimation unserer Positionen gegenüber Politik und Verwaltung, weil sie dann auf einer sehr breiten Basis der regionalen Wirtschaft beruht. Wenn sich Unternehmen branchen- und betriebsgrößenübergreifend beteiligen, werden wir besser in die Lage versetzt, das Gesamtinteresse der regionalen Wirtschaft zu vertreten – vom großen Unternehmen bis hin zu kleinen und mittelständischen Unternehmen in allen Bereichen der Wirtschaft.
WIRTSCHAFT ONLINE: Welche Themen sollten Unternehmen aus Ihrer Sicht einbringen und welchen Nutzen haben sie davon?
Sandmann: Grundsätzlich sind alle Themen willkommen, die Unternehmen aktuell beschäftigen oder künftig beschäftigen werden. Besonders wichtig sind dabei die praktischen Erfahrungen aus dem Unternehmensalltag. Gerade dieses Praxiswissen hilft uns, tatsächliche Herausforderungen zu erkennen und politische Forderungen an Unternehmensrealitäten auszurichten. Darüber hinaus möchten wir vor allem Zukunftsthemen aufgreifen – etwa in den Bereichen Innovation, Digitalisierung, KI und Robotik.
Wer sich beteiligt, gestaltet aktiv mit, welche Themen die IHK künftig vertritt.
Wer sich beteiligt, gestaltet also aktiv mit, welche Themen die IHK künftig gegenüber Politik und Verwaltung vertritt. Damit können Unternehmen dazu beitragen, die wirtschaftspolitische Agenda für Leipzig und die Region mitzugestalten.
WIRTSCHAFT ONLINE: Wie werden die Rückmeldungen der Unternehmen ausgewertet und in die neuen wirtschaftspolitischen Positionen eingearbeitet?
Sandmann: Das Hauptamt der IHK zu Leipzig erstellt zur Mitte eines jeden Jahres einen Entwurf der aktualisierten wirtschaftspolitischen Positionen. Diese Fassung wird anschließend durch das Präsidium zur Beteiligung aller Unternehmen im IHK-Bezirk freigegeben. Alle bei uns eingehenden Rückmeldungen werden systematisch ausgewertet und thematisch gebündelt. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Überarbeitung der einzelnen Positionen ein. Ziel ist, dass die neuen wirtschaftspolitischen Positionen die Erfahrungen, Herausforderungen und Erwartungen der Unternehmen möglichst umfassend widerspiegeln. Am Ende des Jahres diskutiert und beschließt die IHK-Vollversammlung die wirtschaftspolitischen Positionen für das Folgejahr.
WIRTSCHAFT ONLINE: Wofür nutzt die IHK die überarbeiteten Positionen – zum Beispiel gegenüber Politik und Verwaltung?
Sandmann: Die wirtschaftspolitischen Positionen dienen uns als Kompendium konkreter Positionen und Forderungen aus der Wirtschaft. Wir nutzen sie in Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern, in Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben, in öffentlichen Debatten, für Statements in den Medien und im Austausch mit Verwaltungen. Sie helfen uns dabei, die Interessen der Unternehmen klar, nachvollziehbar und konsistent zu vertreten und konkrete Verbesserungen für den Wirtschaftsstandort einzufordern.
WIRTSCHAFT ONLINE: Wie können sich Unternehmen beteiligen, und bis wann ist eine Rückmeldung möglich?
Sandmann: Unternehmen können sich vielfältig in den Prozess einbringen, insbesondere jedoch über unser Online-Beteiligungstool. Bis zum 25. September 2026 können sich alle Unternehmen des IHK-Bezirks unter dem Link Wirtschaftspolitische Positionen der IHK zu Leipzig 2027 beteiligen und ihre Vorschläge und Sichtweisen einbringen.
WIRTSCHAFT ONLINE: Was möchten Sie Unternehmerinnen und Unternehmern mitgeben, die überlegen, ob sich ihre Beteiligung lohnt?
Sandmann: Ich möchte alle Unternehmen ermutigen, sich zu beteiligen. Jede Stimme zählt – unabhängig von Branche oder Unternehmensgröße. Je mehr Betriebe ihre Perspektiven einbringen, desto stärker wird unsere gemeinsame Stimme gegenüber Politik und Verwaltung. Gemeinsam können wir dazu beitragen, die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit unserer Region weiter zu stärken.