Wasserstoff-Kernnetz in Sachsen

Ein Netz voller Zukunftsenergie

13. Mai 2026

Mit dem Ausbau des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes entsteht bis 2032 die Infrastruktur für einen der wichtigsten Energieträger von morgen. Auch Sachsen wird an die „Wasserstoff-Autobahn“ angeschlossen. Eine gute Nachricht für den Wirtschaftsstandort.

Wer durch Bad Lauchstädt flaniert, kann Goethes Faszination für den beschaulichen Kurort westlich von Leipzig schnell nachvollziehen. Um 1800 war Deutschlands berühmtester Dichter und Denker regelmäßig hier zu Gast. Heute ist Bad Lauchstädt wieder ein Hotspot – besonders für Energieexperten. Wenige Kilometer nördlich des Zentrums entsteht ein Energiepark, in dem die Potenziale der Wasserstoffwirtschaft durchgespielt werden. „Dieser Park ist ein Reallabor der Energiewende. Er wird uns wichtige Erkenntnisse zum Markthochlauf von Wasserstoff liefern“, erzählt Cornelia Müller-Pagel. Als Leiterin der Abteilung Grüne Gase und Projektleiterin des Energieparks bei der VNG AG ist sie vorn dabei, Wasserstoff in Mitteldeutschland zu etablieren. Und hier in Bad Lauchstädt ging im April 2025 auch das erste Teilstück des Wasserstoff-Kernnetzes in Ostdeutschland in Betrieb – in Form einer 25 Kilometer langen Gasleitung vom Energiepark zur TotalEnergies-Raffinerie in Leuna.

Grüner Wasserstoff: emissionsfrei und speicherbar

Hinter dem Wasserstoff-Kernnetz verbirgt sich ein nächster Meilenstein auf dem Weg zu einer klimaneutralen Industrie. Bis 2032 soll ein mehr als 9.000 Kilometer langes Leitungsnetz wichtige Industriestandorte mit Produzenten und Importeuren von Wasserstoff sowie den entsprechenden Speicherstätten in ganz Deutschland verbinden. In Sachsen werden zuerst die großen Industrieregionen angeschlossen – Leipzig und Dresden, später auch die Lausitz und Zwickau.

Die Wirtschaft setzt große Hoffnungen in den Energieträger. Denn: Er ist – sofern er aus Solar- und Windstrom erzeugt wird – emissionsfrei. Zudem lässt er sich leicht transportieren und unterirdisch speichern. So kann aktuell nicht gebrauchter Ökostrom in grünen Wasserstoff (H2) umgewandelt und für spätere Einsätze gespeichert werden. Vor allem ermöglicht er CO2-freie Prozesse für Sektoren, die sich nur schwer mit Grünstrom elektrifizieren ließen. „Wasserstoff ist der Schlüssel zur Dekarbonisierung wichtiger Branchen wie Stahl, Chemie, Raffinerien und Schwerlastverkehr“, sagt Müller-Pagel.

Wasserstoff als Wirtschaftsmotor

Das alles macht H2 auch zu einem zukunftsträchtigen Wirtschaftszweig. Die Studie „Wasserstoffnetz Mitteldeutschland 2.0“ prognostiziert für die Region einen Bedarf von bis zu 88 TWh im Jahr 2040. Wasserstoff hat darüber hinaus das Zeug zum Wirtschaftsmotor – bis 2030 sind circa 4.800 Arbeitsplätze sowie 1,7 Milliarden Euro Umsatz in Sachsen möglich. „Unser Standort profitiert von dem hohen Potenzial zur Stromproduktion aus Erneuerbaren Energien sowie den vorhandenen und entstehenden Infrastrukturen zur Verteilung und Speicherung des grünen Wasserstoffs“, meint Axel Klug. Er ist Geschäftsführer des HYPOS-Netzwerkes, in dem rund 180 Akteure die mitteldeutsche Wasserstoffwirtschaft vorantreiben. 

Durch den Kernnetzanschluss können außerdem Kosten reduziert und Skaleneffekte realisiert werden, fügt Klug hinzu. Für die Unternehmen der Region habe das viele Vorteile: langfristige Versorgungssicherheit, Wettbewerbsvorteile sowie Planungssicherheit für Investitionen. Gerade für die Wirtschaft des bald stillgelegten Kohlereviers in Mitteldeutschland schafft Wasserstoff verlässliche Zukunftsaussichten. Das sieht auch Sebastian Luther so, Pressesprecher der ONTRAS Gastransport GmbH, die sich um die Leitungen sowie den reibungslosen Transport des Gases kümmert. Aus seiner Sicht sichere ein erfolgreicher Wasserstoff-Hochlauf bestehende Arbeitsplätze, weil er eine klimagerechte Produktion ermögliche. „Außerdem eröffnet Wasserstoff neuen Zulieferern und Akteuren wie dem Elektrolyseur-Unternehmen Sunfire aus Dresden eine Existenzgrundlage“, ergänzt Luther.

Unter Realbedingungen forschen

Zurück im Energiepark Bad Lauchstädt: Von außen wirkt die Anlage eher unscheinbar. Doch sie hat es in sich. Hier wird unter real-industriellen Bedingungen die gesamte Wertschöpfungskette der Wasserstoffwirtschaft erforscht. Nach seiner kompletten Inbetriebnahme Ende 2025 soll der Park mit Strom aus benachbarten Windkraftanlagen in einem Elektrolyseur grünen Wasserstoff erzeugen und direkt zu Großabnehmern transportieren. Perspektivisch könnte der Wasserstoff vor Ort in einer noch umzurüstenden Kaverne gespeichert werden. Gefördert wird das Projekt vom Bund, realisiert von einem Konsortium aus sieben Partnern, darunter verschiedene Unternehmen der VNG, Uniper, Terrawatt und DBI – Gastechnologisches Institut Freiberg.

In Bad Lauchstädt geht der Blick aber noch weiter. „Unser Fokus richtet sich auch auf die praktische Umsetzung des sich entwickelnden rechtlichen Rahmens sowie der Bedarfe auf Abnehmerseite. Wir klären hier, was praktikabel und was ein Hemmnis ist“, sagt Müller-Pagel. Das Interesse an Wasserstoff sei groß, betont Luther von ONTRAS: „Wir befinden uns mit zahlreichen interessierten Unternehmen in Sachsen in Gesprächen hinsichtlich einer möglichen Anbindung und der jeweiligen Umsetzung.“ 

Auch die Politik ist gefragt

Wie bei jeder Transformation gibt es Herausforderungen: So bleibt Chemnitz erstmal außen vor beim Kernnetz – obwohl die Stadt ein Industriestandort ist und dort ein Wasserstoff-Innovationszentrum entsteht. Zudem sorgt die Insolvenz des Start-ups HH2E dafür, dass die Zukunft des in Borna geplanten Werks zur Herstellung von grünem Wasserstoff ungewiss ist. Cornelia Müller-Pagel sieht auch die Politik in der Pflicht: „Ich sehe für den Hochlauf zwei große Hürden: rechtliche Vorgaben und u. a. daraus resultierende hohe Wasserstoffkosten.“ Sie wünsche sich mehr Pragmatismus beim Ausbau der Infrastruktur und bessere Marktbedingungen – von flexibleren Kriterien für den Strombezug zur Erzeugung von grünem Wasserstoff über die langfristige Befreiung von Netzentgelten für Elektrolyseure bis hin zu Marktanreizen für künftige Wasserstoffkunden.

Das bestätigt auch Axel Klug. Es brauche verlässliche Rahmenbedingungen, um die Technologie flächendeckend umzusetzen. Doch schon jetzt sieht er den Standort auf einem guten Weg: „Mitteldeutschland wird als eine der ersten Industrieregionen ab 2027 vom Wasserstoffkernnetz profitieren können.“ Und speziell Leipzig und Sachsen spielen dann ganz vorne mit, wenn es um die Energie der Zukunft geht.


Autor: Jens Wollweber
Bildcredit: ONTAS / Tom Schulze


Mehr erfahren: Veranstaltung der IHK zu Leipzig

Die IHK zu Leipzig bietet eine Veranstaltung zum Thema "Das Wasserstoff-Kernnetz kommt nach Mitteldeutschland" an. Hier erhalten Sie Informationen über den Anschluss der Region, Fördermöglichkeiten und die praktischen Schritte zur Nutzung der neuen Infrastruktur. 

Donnerstag, 21.05.2026 / 12:30 Uhr - 16:00 Uhr

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Bild von ONTRAS zur Eröffnung des Teilstücks Bad Lauchstädt-Leuna

Credit: ONTRAS / Tom Schulze

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