Damit Prüfungen stattfinden
04. August 2026Rund 12.000-mal im Jahr entscheidet sich im Kammerbezirk Leipzig, ob eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen wird. Hinter jeder dieser Prüfungen stehen rund 1.800 ehrenamtliche Prüferinnen und Prüfer aus der Wirtschaft, die ihre Fachexpertise einbringen. Sie bewerten Klausuren, führen Fachgespräche und übernehmen Verantwortung für faire und praxisnahe Abschlüsse. Ihr Einsatz ist Voraussetzung dafür, dass die IHK zu Leipzig Prüfungen in der Berufsausbildung überhaupt durchführen kann.
Zwei Stimmen berichten aus ihrem Alltag als Prüfer: Was treibt sie an, was motiviert sie?
"Prüfen heißt für mich: gemeinsam bestehen."
Ulf Lenk
Ehrenamtlicher Prüfer | LEIPZIG, DRESDEN, BERLIN
Wirtschaftsmediator & Ausbilder, Dresden
Als Prüfer braucht man Fingerspitzengefühl, denn jeder Mensch, der vor einem sitzt, ist anders: Der eine ist schüchtern, die andere aufgeregt. Während meiner Prüfungen ist schon alles vorgekommen – von Tränen über Ohnmachtsanfälle bis hin zu völliger Desorientierung. Ein junger Mann wurde einmal kreidebleich und wusste plötzlich nicht mehr, wo er war. Nach einer zehnminütigen Pause konnten wir die Prüfung glücklicherweise fortsetzen, und er hat bestanden. Solche Momente zeigen mir: Es gibt nichts, was nicht passieren kann. Meinen Teilnehmenden sage ich deshalb in der Vorbereitung immer: „Wir sind für euch da, wir kriegen das gemeinsam hin.“
Ich bin nun seit 15 Jahren ehrenamtlich für die IHK tätig. Angefangen habe ich in Dresden, später kamen Leipzig und Berlin dazu. Heute prüfe ich vom Facharbeiter bis zur Weiterbildung, vom Kaufmann für Büromanagement bis zum Fachwirt. Im Jahr kommen so rund zwanzig mündliche Prüfungen zusammen, die schriftlichen Korrekturen noch gar nicht eingerechnet. Das ist viel Zeit, die man investiert – als selbstständiger Dozent und Coach ist mein Alltag ohnehin eng getaktet. Doch ohne uns ehrenamtliche Prüfende würde das System nicht funktionieren. Umso wichtiger ist es, dass die Zusammenarbeit mit der IHK auf Augenhöhe stattfindet und das ehrenamtliche Engagement Anerkennung erfährt. Ich selbst habe früher Prüfungen erlebt, die nicht optimal liefen; das wollte ich besser machen. Mein Ziel als Prüfer ist es nicht, Steine in den Weg zu legen, sondern gemeinsam zu bestehen.
Die Tätigkeit als Prüfer hat zudem meiner eigenen beruflichen Laufbahn einen enormen Schub gegeben. Es ist eine Anerkennung der Fachkompetenz, die von außen als echtes Qualitätssiegel wahrgenommen wird – eine wertvolle Bestätigung meiner täglichen Arbeit als Dozent.
"Wenn es nicht genügend Prüfer gibt, finden in Leipzig keine Prüfungen mehr statt."
Marko Hubert
Ehrenamtlicher Prüfer | IHK zu LEIPZIG
Meister & Ausbilder bei KEMNA BAU Ost GmbH & Co. KG
Seit Ende 2024 engagiere ich mich ehrenamtlich als Prüfer bei der IHK zu Leipzig. Damals sprach mich ein Kollege an, weil es an Prüferinnen und Prüfern mangelte, und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, mitzumachen. Seitdem bin ich Mitglied der Prüfungskommission für Straßenbau und Rohrleitungsbau und begleite dort die praktischen Prüfungen. Unsere Aufgaben bestehen darin, die handwerkliche Umsetzung der Prüfungsaufgaben zu beaufsichtigen, zu bewerten und die Ergebnisse bekanntzugeben. Pro Jahr sind das etwa fünf bis zehn Prüfungstermine – jeweils komplette Arbeitstage, an denen ich im eigenen Betrieb fehle. Viele dieser Termine fallen in die betriebliche Hauptsaison, sodass eine Freistellung ohne Rückendeckung der Geschäftsführung gar nicht möglich wäre.
Meine Motivation entsteht vor allem aus dem Wunsch, die Ausbildung zu verbessern und die Prüfungsvorbereitung im eigenen Betrieb gezielter zu gestalten. Durch die Vernetzung mit anderen Ausbildern und Betrieben – und natürlich durch die aktive Mitarbeit an den Prüfungen – gewinnen wir Einblicke in die Bewertungskriterien. Dadurch können wir unsere Auszubildenden deutlich gezielter auf die Prüfungen vorbereiten. Außerdem schätze ich die kollegiale Zusammenarbeit in der Kommission. Im Gegensatz zum Marktgeschehen sind wir dort keine Konkurrenten, sondern begegnen uns auf Augenhöhe und tauschen wertvolle Tipps für die Ausbildung aus.
Ein besonderes Erlebnis in meinem Berufsalltag war die Ausbildung eines Azubis mit einer 80-prozentigen Behinderung – er war seh- und hörgeschädigt. Für ihn war es wichtig, dass wir ihm andere Handgriffe beigebracht haben: Wo andere einfach die Wasserwaage anlegen, reichte das bei ihm nicht aus. Viele Außenstehende waren skeptisch, ob er das Ausbildungsziel erreichen würde. Weil er äußerst motiviert war und jede freie Minute zum Lernen nutzte, bestand er schließlich alle Prüfungen auf Anhieb. Solche Erlebnisse bleiben in Erinnerung.
Ich kann allen, auch den Arbeitgebern, empfehlen, Prüferinnen und Prüfer zu stellen. Der Zeitaufwand ist natürlich da. Doch wenn wir nicht genügend ehrenamtliche Prüfende haben, können in Leipzig bald keine Prüfungen mehr stattfinden. Und wir brauchen gute Fachkräfte für morgen – auch für unsere eigenen Betriebe. Dafür lohnt sich das Ehrenamt.
Bei Fragen hilft Ihnen die Redaktion der WIRTSCHAFT ONLINE gerne weiter.