Dr. Iris Minde, Geschäftsführerin St. Georg Unternehmensgruppe
Dr. Iris Minde, Geschäftsführerin St. Georg Unternehmensgruppe

Neubau, Restrukturierung, gesundheitliche Daseinsvorsorge

10. Juni 2024

Die gesundheitliche Daseinsfür- und vorsorge ist ein Standortvorteil für die Wirtschaftsregion. Diese gibt es jedoch nicht zum Nulltarif. Dr. Iris Minde agiert deshalb mit ihrem Team strategisch in die Zukunft hinein, baut neu und um und fasst auch Strukturen an.

Wir sprachen mit ihr über Restrukturierungsmaßnahmen, Kosten, gesetzliche Vorgaben, Inhalte und Neubauten, Zwänge und Wünsche sowie ehrenamtliche Arbeit in Vereinen und Gremien. Dr. Iris Minde erläutert die Hintergründe eines Eigenbetriebs der Stadt Leipzig, Verantwortlichkeiten in Stadt, Land und Bund sowie ihre Vorstellungen davon, wie es möglich sein kann, dass auch in ein paar Jahren Leipzigs Gesundheitswesen sicher aufgestellt werden wird.

WIRTSCHAFT ONLINE: Guten Tag, Frau Minde. Sie sind seit 2012 Geschäftsführerin der St. Georg Unternehmensgruppe. Zu dieser Gruppe gehören vielfältige Strukturen mit gGmbH, Eigenbetrieb und Tochtergesellschaften. Können Sie uns dazu etwas mehr erzählen?

Dr. Iris Minde: In der St. Georg Unternehmensgruppe arbeiten rund 3.800 Mitarbeitende in verschiedenen Bereichen für das gesundheitliche Wohl der Bevölkerung. Alle Leistungen, die für eine gute medizinische Versorgung der Bürgerinnen und Bürger nötig oder nützlich sind, werden von ihr erbracht. Dazu gehören natürlich auch Technik, Versorgung, Logistik und andere Leistungen. Diese Leistungen werden funktional manchmal auch in eigenen Betrieben zusammengefasst. Es ist sicherlich nachvollziehbar, dass eine Intensivstation, deren Leistungen mit Krankenkassen abgerechnet werden, anders zu organisieren ist als die Parkraumbewirtschaftung des weitläufigen Klinikgeländes.

WIRTSCHAFT ONLINE: Ich verstehe die Organisation noch nicht ganz – das St. Georg ist Teil der St. Georg Unternehmensgruppe aber Eigenbetrieb der Stadt. Wie ist denn der Spagat zwischen betriebswirtschaftlichem Arbeiten und der öffentlichen Daseinsvorsorge überhaupt schaffbar? Wir sprechen ja auch von einem Versorgungsauftrag der Stadt Leipzig.

Dr. Iris Minde: Die Organisation ist historisch gewachsen und entspricht den betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten und den Vorstellungen des Gesellschafters, der Stadt Leipzig. Das Hauptanliegen der Stadt Leipzig ist die gesundheitliche Daseinsfürsorge. Wir erleben ja gerade in der Diskussion um die Gesundheitsreform, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, solche Leistungen zu erbringen. Wegen dieser Rahmenbedingungen hat sich die Stadt Leipzig entschieden, einen wesentlichen Teil des Geländes und der Gebäudestruktur im Eigenbetrieb zusammenzufassen, die gesundheitliche medizinische Leistung aber in der gGmbH zu organisieren. Auch diese Gesellschaft gehört zu 100 Prozent der Stadt Leipzig.
Die gGmbH kümmert sich also darum, für jeden Patienten nach seinen individuellen Bedürfnissen eine Behandlung auf qualitativ höchstem Niveau zu gewährleisten. Zuerst geht es um die Gesundheit, dann um das Wohlbefinden der Menschen. Sie sind die Basis unseres Handelns, auch unseres wirtschaftlichen Handelns.
Der Spagat, wie Sie es nennen, besteht darin, mit hoch qualifizierten Fachabteilungen eine wirtschaftlich tragfähige Balance zwischen gut refinanzierten Leistungen auf der einen Seite und nicht auskömmlich finanzierten Bereichen auf der anderen Seite zu schaffen und damit ein positives Betriebsergebnis zu erzielen. Spätestens zum Zeitpunkt der Corona-Pandemie wurde sichtbar, dass diese Balance bundesweit aus den Fugen geraten ist. Die Gesundheitsreform soll dem deshalb entgegenwirken und dafür sorgen, dass Krankenhäuser auskömmlich betrieben werden können, ohne dass die Gesellschafter, bei uns die Stadt Leipzig, immer wieder Geld nachschießen müssen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Gerade diese Struktur unterscheidet Ihr Haus ja von rein privaten Anbietern. Trotzdem wird in der Öffentlichkeit in der Regel sehr verknappt diskutiert. Ist das nicht manchmal frustrierend?

Dr. Iris Minde: Das ist sehr frustrierend. Krankenhausfinanzierung und „Wirtschaftlichkeit“ sind schwierige Themen, wenn man auf die Gemengelage aktueller Kostensteigerungen durch Inflation, Energiekrise und Materialteuerungen für den allgemeinen Patientenbetrieb schaut. Die Gegenfinanzierung des Geschäftsbetriebs von Krankenhäusern obliegt dem Bund. Der orientiert sich aber nur bedingt an den tatsächlichen Kosten und die Beträge sind dabei gedeckelt. Die gestiegenen Kosten der vergangenen Jahre sind im Finanzierungssystem für das Gesundheitswesen nicht auskömmlich abgebildet. Ohne eine Anpassung dieses Systems werden Kliniken bundesweit, wie auch das Klinikum St. Georg gGmbH, weiterhin nicht auskömmlich wirtschaften können. Nur mittels umfangreicher Sanierungs- und Restrukturierungsmaßnahmen sind Kliniken in der Lage, dem wirtschaftlichen Druck ein Stück weit standzuhalten, allerdings bedeuten diese für die Patienten auch Veränderungen im Versorgungsangebot. Und die Begrenzungen und Anforderungen bleiben ja in der Regel bestehen. Die Kosten können also nur in Teilen begrenzt werden.
Die geplante Krankenhausreform des Bundes hat das Ziel, den wirtschaftlichen Druck für Kliniken durch ein geändertes Finanzierungsmodell zu senken. Experten rechnen derzeit damit, dass die Reform zwei Jahre nach Inkrafttreten Ihre Wirkung entfalten wird. Das kann für einige Kliniken mit schwachen Gesellschaftern zu spät sein. Da sind wir dankbar, dass die Stadt Leipzig sich klar zum St. Georg bekennt.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wo sehen Sie Ihr Haus in der Krankenhauslandschaft der Stadt Leipzig und der darüber hinausgreifenden Region?

Dr. Iris Minde: Wir sind das älteste Haus am Platz und versorgen die Leipzigerinnen und Leipziger seit über 800 Jahren. Wir sind quasi das Instrument der Stadt Leipzig, Gesundheit und Vorsorge sicherzustellen. Wir sind ein Lehrkrankenhaus im Rahmen der universitären Ausbildung. Wir sind die Gesundheitspraktiker. In der Forschung ist die Universität immer die Nummer 1, auch wenn bei uns nicht nur viele Chefärztinnen und Chefärzte, sondern auch viele weitere Mediziner in der Forschung an Universitäten weiter tätig sind. Insoweit haben wir eine führende Rolle in der Region.
Ein gesunder Wettbewerb ist auch im Gesundheitswesen wichtig, da er Qualität und Weiterentwicklungen vorantreibt. Wichtig ist jedoch zu wissen, dass mit Blick auf die wachsende Bevölkerung und die Erkrankungsentwicklung im demografischen Wandel der Bedarf quantitativ steigen wird. Wir brauchen mehr Gesundheitsleistungen bei einer alternden Bevölkerung. Und gleichzeitig haben wir immer weniger verfügbares Fachpersonal. Es gibt durch die geburtenschwachen Jahrgänge einfach weniger Menschen im Arbeitsleben.
Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, braucht es neue Konzepte. Die Kliniken und anderen Versorger in der Stadt Leipzig und im Umland haben in den vergangenen Jahren ihre Zusammenarbeit bereits gestärkt. Ein bedeutender Treiber hierfür war die Pandemie, in welcher die Leipziger Kliniken ihre jeweiligen Kompetenzen zur Patientensteuerung und Behandlung bestmöglich miteinander genutzt haben. Ich bin davon überzeugt, dass es regionale Netzwerkstrukturen zwischen Krankenhäusern unterschiedlicher Versorgungsstufen braucht, um den Bedarf in der Bevölkerung abzudecken. Eine Verbundstruktur verbessert die medizinische Versorgung für Patienten und fördert gleichzeitig den fachlichen Austausch unter den Medizinern.
Wir sind nicht das einzige Haus am Platz, wie manch andere kommunale Großkrankenhäuser dies erleben. Das ist einerseits erschwerend, da man um die gleichen Patienten wirbt, kann aber auch gerade im Hinblick auf Zukunft durchaus fruchtbar sein, wenn man Kooperationen eingeht. Zum Teil haben wir ja bereits solche Kooperationen wie z. B. mit unserem Lungenkrebszentrum im Verbund mit dem Elisabethkrankenhaus. Wir betreiben das einzige zertifizierte Lungenkrebszentrum in der Region Nordsachsen.
Also: Leipzig ist klassisch derzeit nicht unterversorgt, aber die Stadt wächst weiter. Leipzig ist eine hoch attraktive Stadt, die sich aufgrund von bestimmten Rahmenbedingungen bevölkerungsseitig extrem günstig entwickelt und es somit für Krankenhäuser in Zukunft viel zu tun geben wird. Für dieses Wachstum muss auch die Stadt Leipzig vorsorgen. Ein Krankenhaus baut sich ja nicht über Nacht.

WIRTSCHAFT ONLINE: Sie selbst sind auch in einigen Spitzenverbänden aktiv. In welchen denn?

Dr. Iris Minde: Mir hat die Entwicklung des deutschen Gesundheitswesens immer sehr am Herzen gelegen und ich bin dankbar, dass ich ein Teil davon sein darf. Zu dieser Dankbarkeit und Liebe zum Thema gehört auch, sich für die Weiterentwicklung einzusetzen. Schon zu meinen Leitungszeiten im Herzzentrum, erst recht aber in den letzten zwölf Jahren im St. Georg, war und ist mir wichtig, die Kompetenz des Hauses auch in die öffentliche Debatte und die Fachdebatte einzubringen. Das mache ich in einer Reihe von Gremien, wie beispielsweise als:

  • Stellvertreterin des Vorsitzenden des Vorstandes der Krankenhausgesellschaft Sachsen (KGS)
  • Stellvertretende Vorsitzende des Fachausschuss Gesundheit im Spitzenverband Deutscher Städtetag
  • stellv. Vorsitzende Allianz Kommunaler Großkrankenhäuser (AKG e.V.)
  • Präsidiumsmitglied Deutsche Krankenhausgesellschaft
  • Mitglied der EKK (Einkaufsgemeinschaft Kommunaler Krankenhäuser)
  • Aufsichtsrätin der GDEKK (Dienstleistungs- und Einkaufsgesellschaft für kommunale Krankenhäuser)
  • Beirat MedLogistica

WIRTSCHAFT ONLINE: Und wie können Sie hier Einfluss nehmen?

Dr. Iris Minde: Kurz gesagt: Durch Weitergabe meines Wissens, durch die Erfahrung und das Gelernte, welches ich von meinen Kolleginnen und Kollegen aufnehmen durfte. Man muss wissen, wo die Stellschrauben sind. Gute Betriebswirtschaft allein reicht nicht.
Als Mitglied in den Verbänden bin ich zeitnah an Entwicklungsprozessen dran, bekomme Neuerungen dadurch schneller mit und kann dann Themen schneller anschieben. Das ist ein großer Wettbewerbsvorteil für die kommunalen Häuser wie auch die Häuser in der Region sowie für die Stadt Leipzig.
Sie kennen dies aus der IHK, sowohl durch die Mitglieder der Vollversammlung als auch von den vielen Ehrenämtlern in den Ausschüssen und Kommissionen. Da wird schnell klar, wo der Schuh drückt.
Durch den gemeinsamen Input von uns in allen Verbänden ergibt sich ein gemeinsames Meinungsbild und daraus dann auch Handlungsnotwendigkeiten für das eigene Haus. Außerdem wird das Klinikum stärker wahrgenommen – mit allen Vor- und Nachteilen, die sich aus einer größeren Sichtbarkeit ergeben.
Mein Anliegen ist nicht nur fachliche Einflussnahme und Branchenvergleich, sondern auch die Weiterentwicklung geeigneter und tragfähiger Geschäftsmodelle, um die Wirtschaftlichkeit des Klinikums und der einzelnen Häuser zu stärken. Mir geht es um die zukunftsfähige Ausrichtung von Gesundheitsversorgung und damit der einzelnen Häuser, ohne dabei die Individualität und Bedürfnisse der jeweiligen Städte und Kommunen aus den Augen zu verlieren.
In meinen zwölf Jahren im Verbund der Kommunalen Großkrankenhäuser habe ich gelernt, wie wichtig der Austausch ist, an den Entwicklungen der Bundespolitik dranzubleiben und auch mit entsprechenden Partnern Netzwerke zu gründen und zu stimulieren. Wir haben uns eine Stimme in Richtung Berlin erarbeitet und werden auch gehört. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen bringe ich mich hier sehr gerne ein.
Wichtig für die Entwicklung des Gesundheitswesens sind beide Säulen. Im Deutschen Städtetag haben wir ausschließlich den kommunalen Blick und damit einen einheitlichen gemeinsamen Blickwinkel. Da geht es geschlossen zu, und ruhiger. In der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist es pluraler und Konsens sowie Kompromissfähigkeit gefragt, damit wir für die Krankenhäuser gut wirken können. Deshalb bringe ich mich auch hier mit meinen Fähigkeiten gerne ein.

WIRTSCHAFT ONLINE: Das „St. Georg“ befindet sich in einem Transformationsprozess. Wo geht die Reise hin?

Dr. Iris Minde: Transformation ist ja eine Reise, bei der auf dem Weg auch immer wieder noch neue Erkenntnisse dazukommen. So wird der Fragenkomplex „Künstliche Intelligenz und Robotik“ für die künftige Gestaltung von Klinikabläufen ganz wesentlich werden.
Für uns ist hier die Besonderheit, dass wir uns seit Jahrhunderten aus dem Bestand weiter entwickeln müssen. Vor über 120 Jahren waren wir ein hochmodernes Haus. Heute sind wir es durch unsere Neubauten und in Zukunft werden wir es durch wiederum neue Gebäudestrukturen ebenfalls sein.
Wir haben sehr viel vor. Uns war klar, dass wir neu bauen müssen, um wirklich zukunftsfähig zu sein und Medizin auf modernsten Flächen anzubieten. Nur so können wir medizinisch sinnvoll agieren und auch betriebswirtschaftlich optimiert arbeiten.
Wir haben angefangen, einen hochmodernen Gebäudekomplex zu konzipieren: das künftige internistische Zentrum. Mit Planung des großen zentralen Neubaus haben wir festgestellt, dass wir mehr umbauen und verändern müssen, damit alle Strukturen und Abläufe auf dem Campus optimal ineinandergreifen. Deshalb werden wir mit zahlreichen Neubauprojekten diesen Klinikum-Campus technisch und infrastrukturell verändern. Das ist tatsächlich ein Jahrhundertprojekt. Und wenn wir fertig sind, werden wir wieder eine der mordernsten Kliniken des Landes sein.
Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Wir haben im St. Georg die Herausforderung der Gleichzeitigkeit, d.h. wir müssen alle baulichen und strukturellen Veränderungen gleichzeitig und bei laufendem Betrieb vollziehen und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Herausforderungen und Verwerfungen meistern. Auch das kennen viele ja aus den Veränderungen in Produktionslinien in der Industrie. Nur, dass man da mal ein Band anhalten kann. Im OP geht das nicht so einfach. Das ist wie eine OP am offenen Herzen. Zusätzlich müssen und wollen wir unsere gesamte Infrastruktur sukzessive neu aufstellen. Dazu kommen dann noch die Themen, die alle Krankenhäuser beschäftigen, wie die Krankenhaus-Reform, die Digitalisierung, die Ambulantisierung, die Fachkräftesicherung und andere. Diese Komplexität und Vielfalt an Veränderungen ist eine Besonderheit der Situation des Hauses und in jeder Hinsicht ein enormer Kraftakt für alle Beteiligten.

WIRTSCHAFT ONLINE: Und wo in der Planung sind Sie derzeit?

Dr. Iris Minde: Die Transformation braucht Zeit. Mit Blick auf die bauliche und medizinische Entwicklung haben wir etwa die Hälfte geschafft. Wir liegen im Plan. Wichtig ist, dass es ein Projekt aller ist, nicht nur des Gesellschafters oder der Geschäftsführung. Wir alle, die wir hier arbeiten, müssen uns mit dem Projekt identifizieren. Sonst funktioniert es nicht.
Mit der Eröffnung unseres neuen Ambulanzzentrums mit vier ambulanten OPs ist uns ebenfalls ein großer Schritt in Richtung gesetzlich geforderter Ambulantisierung gelungen. Nach einem Jahr können wir sagen: Es läuft sehr gut.
Die Digitalisierung ist inzwischen in allen Bereichen eines Krankenhauses ein Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg. Erst mit dem Krankenhauszukunftsfonds stehen dem Klinikum St. Georg ausreichend finanzielle Mittel zur Realisierung der zahlreichen Projekte zur Verfügung. Gerade befinden wir uns in der Fertigstellung bei der Einführung der digitalen Patientenakte, einer großen gesetzlichen Vorgabe.
Eine generelle Herausforderung sehe ich in den gesamtgesellschaftlichen Veränderungen und Umbrüchen (Kulturen, Sprachen, demografischer Wandel), denen wir uns in der Gesundheitsbranche weiter stellen müssen. In 20 Jahren werden wir vielleicht eine ganz andere Medizin haben, als wir sie heute noch verstehen. Wir werden eine Verlagerung erleben, die mehr auf Prävention ausgerichtet ist und eine gesündere Lebensweise innerhalb der Gesellschaft stärkt und Krankenhäuser werden sich mehr und mehr zu Gesundheitseinrichtungen entwickeln. Daran denken wir heute schon bei der Gestaltung der Bauten.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wofür braucht es den Neubau ganz konkret?

Dr. Iris Minde: Ohne das neue Gebäude für unser Internistisches Zentrum sind wir auf lange Sicht nicht zukunftsfähig und werden auch nicht wirtschaftlich im Vergleich zu anderen Häusern arbeiten können. Die über einhundert Jahre alte Pavillon-Struktur am Standort Eutritzsch ist nicht modern und leider ist sie auch ineffizient. Patienten und Mitarbeiter haben weite Wege. Logistisch ist es eine enorme Herausforderung, den Standort zu versorgen. Der Neubau bedeutet für uns kürzere Wege, Effizienzsteigerung und Platz für moderne Hochleistungsmedizin. Es bedeutet eine komplette Neuausrichtung für das Klinikum, die wir so dringend brauchen. Für ein Krankenhaus stellt es eine enorme Herausforderung dar, einen derartigen denkmalgeschützten Campus inklusive Parkanlage mit entsprechenden baulichen Beständen zu pflegen und zu betreiben und darin moderne Medizin zu leisten.

WIRTSCHAFT ONLINE: Welches sind die größten Hemmschuhe und Gefahren im Prozess und wie können diese umgangen werden?

Dr. Iris Minde: Das Klinikum als gGmbH ist das größte Unternehmen der St. Georg Unternehmensgruppe. Seit der Jahrtausendwende gab es deutschlandweit Tendenzen zur Auslagerung von Betriebsteilen in Tochtergesellschaften. Damalige positive wirtschaftliche Effekte können unter den jetzigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch negativ wirken. Betriebswirtschaftlich ist es zudem herausfordernd, dass alle Immobilien im Eigentum der Stadt stehen und an das Klinikum St. Georg vermietet sind. Neben einem hohen Verwaltungsaufwand beschränkt diese Konstellation insbesondere die Möglichkeit, Sicherheiten bei Kreditgeschäften zu bieten. Kredite brauchen wir aber für den Neubau.
Das Klinikum St. Georg konnte seit Jahrzehnten keine langfristig planbare Investitionsstrategie umsetzen. Ein Grund dafür sind zu geringe Förder- und Investitionsquoten durch den Freistaat. Im Ergebnis wurde in Einzelprojekte investiert, die aus jetziger rückwirkender Sicht prozessual nicht miteinander harmonieren und damit eher zum Kostentreiber werden. Das Klinikum St. Georg ist jetzt gezwungen, die Investitionstätigkeit der letzten Jahrzehnte auf einen Schlag aufzuholen, mit entsprechenden Effekten auf Liquidität und Betriebsergebnisse.
Darüber hinaus ist das Klinikum seitens der Stadt mit der Erbringung von somatischen und psychiatrischen Versorgungsleistungen in allen Gesundheitssektoren betraut. Diese übertragene Aufgabe hat einen hohen gesellschaftlichen Nutzen und Anspruch, der sich aber nicht als positive Zahl in den Bilanzen wiederfindet. Aber sie hat einen hohen Nutzen für die Stadt und dafür ist ein Klinikum da. Das ist gesundheitliche Daseinsvorsorge.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wofür braucht es die permanente Unterstützung durch die Stadt ganz konkret?

Dr. Iris Minde: Zunächst gehe ich davon aus, dass es eine vorübergehende Unterstützung bleiben wird. Der Bund muss seinen Verpflichtungen nachkommen, der Freistaat ebenso. Spätestens mit Inbetriebnahme der Neubauten gibt es aus heutiger Sicht keinen Grund mehr für rote Zahlen, wenn alle Parameter stimmen.
Die Gegenfinanzierung des Geschäftsbetriebs von Krankenhäusern obliegt dem Bund, die Beträge sind dabei gedeckelt. Die gestiegenen Kosten der vergangenen Jahre sind im Finanzierungssystem für das Gesundheitswesen nicht auskömmlich abgebildet. Ohne eine Anpassung dieses Systems werden Kliniken bundesweit, wie auch das St. Georg, weiterhin nicht auskömmlich wirtschaften können. 80 Prozent unserer Investitionskosten werden durch entsprechende Fördermittel refinanziert und die restlichen 20 Prozent der Projekte müssen über Eigenmittel erwirtschaftet werden. Gesetzlich ist das anders vorgesehen. Da geht man von 100 Prozent Refinanzierung aus, was die Krankenhausgesellschaften auch immer wieder einfordern. Wenn wenig Eigenmittel vorhanden sind, braucht es Kredite. Bei Banken brauchen Sie Kreditwürdigkeit und Wirtschaftlichkeit, die Sie nachweisen müssen. Es geht aber um Gesundheit.
Und daneben sind wir Bauherr, was ebenfalls Kosten verursacht. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Wir sind froh, dass wir bauen können. Aber in einer denkmalgeschützten Anlage beschäftigen uns hier Themen des Umweltschutzes und des Denkmalschutzes überproportional.
Weiterhin: 78 Prozent der deutschen Krankenhäuser haben im letzten Jahr Verluste gemacht, oft erhebliche. Auch wir. Maßgeblich dafür sind Nachwirkungen der Pandemie, veränderte Regularien und erhebliche Kostensteigerung durch Inflation und entsprechend notwendige Anpassungen der Personalkosten. Es gibt auch im Gesundheitswesen eine Reihe von Häusern, bei denen der Verlustausgleich regelmäßig passiert, doch anders als bei uns ohne Beteiligung der Presse.
Weil diese Kosten auch die kommunalen Krankenhäuser massiv belasten, fordert der Deutsche Städtetag und auch die Stadt Leipzig den Bund in seiner Verantwortung, diese Kosten auszugleichen.
Die Gespräche dazu laufen aber leider nicht so schnell, wie wir es auf der betrieblichen Ebene brauchen. Deshalb fühlt sich der Gesellschafter, die Stadt Leipzig, in der Verantwortung und wir sind dankbar, dass wir mit der sichergestellten Liquidität auch in nächster Zeit die gestiegenen Kosten tragen können, bis die Ausgleichsleistungen aus der Gesundheitsreform und den Verhandlungen mit dem Bund und den Ländern abgeschlossen sind.
Nur mittels umfangreicher Sanierungs- und Restrukturierungsmaßnahmen werden die deutschen Kliniken zukünftig in der Lage sein, dem wirtschaftlichen Druck ein Stück weit standzuhalten, allerdings bedeuten diese für die Patienten auch Veränderungen im Versorgungsangebot.

WIRTSCHAFT ONLINE: Um einen prosperierenden Wirtschaftsstandort Leipzig zu schaffen und zu erhalten, sind Faktoren wie gerade die Gesundheitsversorgung existenziell. Glauben Sie, dass diese Zusammenhänge bei den politisch Aktiven überhaupt genügend mitgedacht werden?

Dr. Iris Minde: Das klare Bekenntnis der Stadt Leipzig zu ihrem kommunalen Klinikum zeugt von planerischer Weitsicht und dem Wissen um die Bedeutung einer umfassenden medizinischen Versorgung für ein funktionierendes Gemeinwesen.
Wenn Sie mich in meinen Funktionen und Erfahrungen in den verschiedenen Branchengremien fragen, dann wünschte ich mir von der Politik die Umsetzung von folgenden fünf Erkenntnissen in die politischen Entscheidungsprozesse um Infrastruktur, Finanzierung und Daseinsvorsorge:

  1. Die Vermeidung einer Infektion kostet im Zweifel genauso viel wie die Behandlung einer Infektion. Deswegen muss im Gesundheitswesen Geld für die Vermeidung von Krankheiten und Folgekrankheiten ausgegeben werden und nicht nur für die Schadensreparatur. Das ist für die Gesellschaft wesentlich kostengünstiger.
  2. Gesundheitstechnischer Fortschritt bringt auch manchmal massive Umbrüche mit sich. Der dann notwendige Rückbau von Kapazitäten, seien es Krankenhausbetten, medizinische Geräte oder auch Personal, die zuvor nötig waren, kostet Geld. Diese Kosten müssen in der Daseinsvorsorge genauso erstattet werden, wie beispielsweise der Rückbau von Atomkraftwerken erstattet wird oder die Transformation des Kohlebergbaus.
  3. Wie in der Industrie wird auch in Zukunft im Gesundheitswesen mancher Umbruch technisch radikal sein. Dann müssen die Entscheider auch den Mut zu einer radikalen Neuaufstellung entwickeln. Ein gutes Beispiel dafür ist der Neubau der Leipziger Messe nach der Wende.
  4. Wir sind eine alternde Gesellschaft und werden das auch nicht ändern können. Es wird deshalb in Zukunft wesentlich mehr Patienten geben. Deshalb müssen wir zum einen das medizinische Leistungsspektrum dieser Veränderung anpassen, besonders aber auch die Zuwendung zum älteren Menschen. Diese Kranken brauchen eine komplett andere Betreuung, als viele Menschen sie in jüngeren Jahren benötigen. Und wir werden viel mehr davon brauchen.
  5. Medizin dient den Menschen. Gerade die Errungenschaften der Digitalisierung können geeignet sein, den Aufwand für Verwaltung und die daraus entstehenden massiven Kosten deutlich zu senken. Schon in der Medizin gilt der Satz nicht: „mehr hilft mehr.“ Hier können wir beispielsweise viel von den EU-Ländern des Baltikums lernen. Stecken wir diesen Aufwand besser in die Versorgung unserer Patienten.

Wenn wir es als Gesellschaft wagen, diese Punkte zeitnah fokussiert und mit betriebswirtschaftlichem Sachverstand anzugehen, dann kann Daseinsvorsoge auch für Kommunen erschwinglich sein.

WIRTSCHAFT ONLINE: Abschließend würde ich gern nach ein paar Zahlen fragen, damit die Dimensionen Ihrer Arbeit verständlicher werden. Wie viele Beschäftigte haben Sie? Wie viele Patienten pro Jahr? Wie viele Behandlungen werden durchgeführt?  Über welche finanziellen Posten reden wir eigentlich?

Dr. Iris Minde: Die St. Georg Unternehmensgruppe gehört zu den größten und traditionsreichsten Gesundheitseinrichtungen in Mitteldeutschland. Jährlich werden mehr als 160.000 Patienten stationär und ambulant behandelt.  Das Eltern-Kind-Zentrum, zu dem der Kreißsaal, die Neonatologie und die moderne Kinderüberwachungsstation gehören, bietet umfassende und beste medizinische Versorgung in familienfreundlicher Atmosphäre.
Die Klinik für Infektiologie/Tropenmedizin ist eines von sieben Kompetenz- und Behandlungszentren für hochkontagiöse Erreger in Deutschland und versorgt Patienten auf höchstem medizinischem Niveau im Raum Mitteldeutschland. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Fachbereiche Infektiologie, Tropenmedizin, Nephrologie und Rheumatologie sowie des Medizinischen Zentrallabors ist das Klinikum wesentlich an aktuellen klinischen Studien, auch mit externen Partnern, beteiligt.
Das Schwerbrandverletztenzentrum am Klinikum St. Georg behandelt jährlich bis zu 200 Brandverletzte. Als einziges Zentrum dieser Art in Sachsen behandelt es nicht nur Brandverletzte aus dem gesamten Bundesland, sondern auch aus den angrenzenden Bundesländern Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Bayern.
Die Unternehmensgruppe mit ihren sieben Tochtergesellschaften und vier Krankenhausstandorten – der Unternehmenssitz sowie zwei weitere befinden sich in Leipzig und einer in Wermsdorf – beschäftigt rund 3.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Leipzig bildet das Klinikum Medizinstudenten aus. In der Medizinischen Berufsfachschule erlernen über 250 Auszubildende einen Pflegeberuf.
Ein weiterer Teil der Unternehmensgruppe ist das Städtische Klinikum „St. Georg“, Eigenbetrieb der Stadt Leipzig, zu dem das Zentrum für Drogenhilfe, die Klinik für Forensische Psychiatrie und sozialtherapeutische Wohnstätten gehören.

WIRTSCHAFT ONLINE: Danke für Ihre Auskünfte.

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