Jenny Roleder von ZAROF. lehnt an einem Türrahmen, im Hintergrund ein Tisch mit Stühlen
Gespräch mit der Expertin Jenny Roleder

Lebensphasenorientierte Personalarbeit. Was ist das denn?

15. April 2024

Der Fachkräftemangel ist an einigen Stellen ein selbst verschuldetes Dilemma. Menschen gibt es genug, viele von ihnen orientieren sich nur anders oder werden durch den Gang der Dinge gezwungen, sich umzuorientieren. Hier setzt die lebensphasenorientierte Personalarbeit an.

Die ZAROF.-Projektmitarbeiterin Jenny Roleder verrät im Gespräch, wie diese funktioniert. Dabei erläutert sie, wer hinter dem Projekt steht, wie eine Beratung abläuft und neben anderem, was ein Lebensphasenkompass ist.

WIRTSCHAFT ONLINE: Guten Tag, Frau Roleder. Das Thema Fachkräftegewinnung ist nicht viel wert ohne das Thema Fachkräftesicherung; heißt: Die, die in einem Unternehmen beschäftigt sind und gut arbeiten, müssen auch gehalten werden. Sie selbst agieren genau an dieser Schnittstelle. Ihr Fokus liegt auf der „Lebensphasenorientierten Personalarbeit als Chance für die Fachkräftegewinnung und -bindung“. Was machen Sie denn ganz konkret?

Jenny Roleder: Richtig, es reicht nicht, Mitarbeitende zu gewinnen und sich zu freuen, wenn sie da sind. Wir möchten stärker auf die Mitarbeitendenbindung schauen. Die lebensphasenorientierte Personalarbeit ist zunächst ein abstraktes Konzept, das erklärungsbedürftig ist: Das Ziel ist es, den Blick zu weiten und den Mitarbeitenden in seiner Erwerbsbiografie zu verorten und anzuerkennen, dass sich unsere Bedürfnisse im Laufe des Lebens ändern. Ich bin jetzt zum Beispiel in dem Alter, in dem meine Eltern gegebenenfalls Unterstützung benötigen. Wie kann ich das mit den Anforderungen meiner Arbeit zusammenbringen? Würde ich meine Eltern pflegen, könnte ich keine langen Dienstreisen mehr machen oder würde vielleicht meine Arbeitszeit reduzieren. Darüber gilt es, sich im Unternehmen zu verständigen. Im Grunde ist es das klassische Thema der Vereinbarkeit, nur nicht mehr im ganz engen Sinne von Beruf und Familie, sondern Berufs- und Lebensphase, denn die Lebensmodelle werden vielfältiger. Daher sollten auch die Angebote an die Mitarbeitenden vielfältiger und abgestimmter werden.

WIRTSCHAFT ONLINE: An wen wendet sich Ihr Angebot?

Jenny Roleder: Grundsätzlich richten wir uns an alle sächsischen Unternehmen, denn laut Fachkräftestrategie 2030 des Freistaats ist die lebensphasenorientierte Personalarbeit eine strategische Kernaufgabe für alle Unternehmen. Es ist also politischer Wille, das Konzept für die Bindung von Mitarbeitenden zu nutzen. Insofern schließt die Orientierung an den Lebensphasen alle ein.

WIRTSCHAFT ONLINE: Und wie läuft solch eine Beratung ab?

Jenny Roleder: Wir folgen dem Ansatz einer Demografie-festen Personalpolitik des Instituts der deutschen Wirtschaft, wonach wir drei Stufen unterscheiden. Auf der ersten Stufe betrachten wir die Handlungsfelder vom Eintritt bis zum Austritt eines Mitarbeitenden und gehen mit den Unternehmen diese Handlungsfelder und ihre bestehenden Maßnahmen durch. Wir setzen also konkret bei den Bedarfen des Unternehmens an. Das kann Maßnahmen zur Vergütung betreffen, Fragen zum Gesundheitsmanagement oder die Führungskräfteentwicklung. Im nächsten Schritt geht es darum, die Maßnahmen mit den Bedürfnissen der Mitarbeitenden abzugleichen und zu justieren, zum Beispiel durch eine Mitarbeitendenbefragung. Die dritte Stufe umfasst die strategische Ebene, wo sich die Frage stellt, inwiefern die Bedürfnisse der Mitarbeitenden und die bestehenden Maßnahmen zur Mitarbeitendenbindung auf die Unternehmensziele auswirken. Es ist ein recht komplexer Prozess, bei dem wir sehr gut unterstützen können.

WIRTSCHAFT ONLINE: Hinter dem Projekt steht die Fachkräfteallianz, in der auch die IHK zu Leipzig aktiv ist. Wer ist denn hier noch organisiert?

Jenny Roleder: Die Fachkräfteallianzen setzen sich in dem jeweiligen Landkreis aus unterschiedlichen Aktiven zusammen: Dazu gehören neben der IHK, die Handwerkskammer, die Wirtschaftsförderung der Landratsämter, Vertretende von Gewerkschaften, der Agentur für Arbeit, aus Bildung und Forschung sowie Unternehmen; die Allianz ist breit aufgestellt.

WIRTSCHAFT ONLINE: Sie beraten individuell, das bedeutet auch, dass immer am ganz konkreten Bedarf angeknüpft wird. Können Sie vielleicht erläutern, welche Bedarfe sich hier herauskristallisiert haben? Gibt es nachvollziehbare Beispiele, die die Bedarfe für unsere Leserschaft illustrieren können?

Jenny Roleder: Genau, wir schauen anhand der drei Stufen, wo die Unternehmen stehen. Viele Unternehmen haben bereits vielfältige Maßnahmen etabliert. Der Punkt ist nun, wie die Mitarbeitenden diese wahrnehmen. Daher haben wir in einem Unternehmen eine kurze Befragung gemacht, welche Maßnahmen – zum Beispiel das Angebot für ein Jobticket – bekannt sind und wie attraktiv sie von der Belegschaft eingeschätzt werden. Die Auswertung hilft dem Unternehmen, seine Maßnahmen zu überprüfen und zu priorisieren. Danach haben wir ausgewählte Benefits in einer Plakataktion beworben, um die Vorteile herauszustellen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Sie erstellten, wie ich erfuhr, einen „Lebensphasenkompass“. Können Sie uns bitte dazu noch etwas erzählen?

Jenny Roleder: Gern, das ist ein Beispiel aus einem anderen Unternehmen, bei dem ebenfalls die Kommunikation der bestehenden Maßnahmen im Vordergrund stand. Der Lebensphasenkompass spricht die Mitarbeitenden in ihrer Lebens- und Berufsphase an, zum Beispiel Azubis, Rückkehrende aus der Elternzeit oder langjährig beschäftigte Routiniers, und führt die Angebote an, die das Unternehmen an sie richtet. Manche Maßnahmen sprechen auch alle an und dann geht es darum, ein bisschen die Perspektive zu verschieben und die Ansprache zu ändern: Für den Azubi ist ein vergünstigtes Mittagessen eine finanzielle Entlastung, andere Mitarbeitende schätzen vielleicht mehr noch die Gemeinsamkeit beim Mittag oder den geringeren Aufwand, sich nicht selbst kümmern zu müssen. Die gezielte Ansprache haben wir versucht, im Lebensphasenkompass abzubilden.

WIRTSCHAFT ONLINE: Die Kosten der Beratung müssen natürlich ebenfalls thematisiert werden. Wie viel kostet denn die Beratung? Wer finanziert und gibt es einen Eigenanteil der Unternehmen, die Ihre Leistung in Anspruch nehmen?

Jenny Roleder: Im Landkreis Leipzig wird unsere Beratung durch die regionale Fachkräfteallianz noch bis Ende 2025 besonders gefördert, was bedeutet, dass die beteiligten Unternehmen lediglich einen geringen Anteil der Beratungskosten aufbringen. Der Eigenanteil liegt für Unternehmen aus dem Landkreis bei 2.000 Euro für eine Begleitung über ein Jahr.
Wer sich genauer mit dem Thema befassen möchte, kann erstmal in einen unserer Online-Workshops reinschnuppern. Anmelden kann man sich unter dem am Ende des Beitrags angeführten Link.

WIRTSCHAFT ONLINE: Und Sie selbst? Unsere Leserschaft ist auch an Ihren Qualifikationen interessiert, Frau Roleder. Welche sind dies denn in Bezug auf Ihr Angebot?

Jenny Roleder: Ich komme aus der Erwachsenenbildung und habe lange in der Fort- und Weiterbildung gearbeitet, anschließend in der Personalentwicklung in der freien Wirtschaft. Ich durfte unter anderem ein schönes Projekt in den USA machen, bei dem es darum ging, für die Niederlassung eines deutschen Maschinenbauers einen Business Case zu entwickeln, wie eine duale Berufsausbildung in den USA funktionieren könnte, ohne dabei den deutschen Ansatz einfach überzustülpen. Zudem habe ich selbst den Ausbilderschein gemacht und mich zuletzt in der systemischen Organisationsentwicklung weitergebildet. Ich freue mich, all diese Erfahrungen jetzt ins Projekt einfließen lassen zu können.

WIRTSCHAFT ONLINE: Danke, Frau Roleder, für Ihre Zeit und Ihr Angebot.

Jenny Roleder: Vielen Dank für das Gespräch!

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