Moritz John, Abteilungsleiter Wirtschafts- und Bildungspolitik der Industrie- & Handelskammer zu Leipzig
Im Interview mit Moritz John, Abteilungsleiter Bildungspolitik

„Fachkräfteengpass mit Bildung begegnen“

15. Januar 2026

Die IHK zu Leipzig formuliert in ihrem Deutschlandplan, was ein exzellentes Bildungssystem ausmacht – und wie wir dahin kommen. Ein Interview mit Moritz John, der bei der IHK zu Leipzig für Bildungspolitik zuständig ist, dazu, warum der Föderalismus reformiert werden sollte, wie sich Digitalisierung sinnvoll nutzen lässt und weshalb die berufliche Bildung gestärkt werden muss.

WIRTSCHAFT ONLINE: Warum muss das Bildungssystem reformiert werden?

Moritz John: Die Anforderungen an Bildung steigen stetig. Wir erleben eine rasante technologische Entwicklung und einen tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt. Bildungspolitik muss darauf reagieren. Statt kleinteiliger Anpassungen braucht es eine klare Strategie mit bundesweit einheitlichen und hohen Standards.

WIRTSCHAFT ONLINE: Der Föderalismus prägt das deutsche Bildungssystem. Ist er ein Problem?

Moritz John: Der Föderalismus hat Vorteile, etwa die Nähe zu regionalen Bedürfnissen. Dass jedoch die Länder eigene Wege gehen, führt auch zu Ungleichheiten. Wir plädieren für mehr Koordination, etwa durch bundesweit verbindliche Standards, wie sie in der Berufsbildung längst etabliert sind. Eine „Bildungsagenda Deutschland 2035“ könnte hier ein wichtiges Steuerungsinstrument sein.

WIRTSCHAFT ONLINE: Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Moritz John: Sie ist der Megatrend schlechthin und will so genutzt werden, dass wir alle davon profitieren. Digitale Plattformen können Bildung zugänglicher machen, Lehrkräfte entlasten und individualisiertes Lernen fördern. Länder wie Estland zeigen, wie das gelingt. In Deutschland ist eine nationale Bildungsplattform nötig, die Lernmaterialien bündelt und moderne Technologien integriert. Entscheidend ist, dass sie praxistauglich ist und nicht im bürokratischen Klein-Klein versandet.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wie lässt sich mehr Bildungsgerechtigkeit erreichen?

Moritz John: Frühkindliche Bildung ist der Schlüssel. Kinder, die zu Hause nicht gefördert werden, müssen durch gute Kitas Chancen bekommen. Wir brauchen mehr und besser qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher und wir brauchen Sprachförderung. Die Mittel dafür müssen auf allen politischen Ebenen bereitgestellt werden.

WIRTSCHAFT ONLINE: Was bedeutet das für die Schulen?

Moritz John: Entscheidend sind die Lehrpläne und gut ausgebildete Lehrkräfte. Das Lehramtsstudium muss praxisnäher werden. Für Lehrkräfte brauchen wir verpflichtende Fortbildungen. In Singapur hat man nachgewiesen, dass sich Schülerleistungen verbessern, wenn sich die Lehrenden kontinuierlich weiterbilden.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wie kann der Wert der beruflichen Ausbildung besser vermittelt werden?

Moritz John: Die Fachkräfte in den Betrieben halten das sprichwörtliche Rad am Laufen. Trotzdem wird die Ausbildung im Betrieb oft als zweitrangig wahrgenommen. Das muss sich ändern. Wir brauchen ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass akademische und praxisorientierte Bildungswege gleichwertig sind. Wer eine duale Ausbildung macht, verdient nicht nur rund zehn Jahre früher Geld, sondern hat viele Aufstiegsmöglichkeiten. Kaum bekannt ist, dass ein Fachwirt offiziell dem Bachelor-Abschluss gleichgestellt ist – oder ein Betriebswirt dem Master. Dieses Wissen muss stärker vermittelt werden, zum Beispiel über Berufsorientierung an Schulen und in verpflichtenden Praktika, damit wir mehr junge Menschen für duale Ausbildungsberufe gewinnen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Welche Reformen braucht die berufliche Bildung?

Moritz John: Sie ist ein Erfolgsmodell. Aber sie darf nicht stehen bleiben, sondern muss modernisiert werden. Berufsbilder und Ausbildungsordnungen müssen mit wirtschaftlichen Veränderungen Schritt halten. Beispielsweise gehören digitale Kompetenzen in alle Berufe.

WIRTSCHAFT ONLINE: Warum ist die „Hebung des inländischen Potenzials“ so wichtig?

Moritz John: Weil die Fachkräftelücke wächst. Wir dürfen nicht allein auf Zuwanderung setzen. Wir müssen die Potenziale aller Menschen nutzen – von Schulabgängern bis hin zu Menschen, die sich beruflich neu orientieren oder weiterbilden wollen. Dafür muss die Höhere Berufsbildung gefördert werden; es braucht gezielte Qualifizierungsprogramme und Weiterbildungsangebote, die sich an unterschiedliche Lebenssituationen anpassen. Das stärkt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

WIRTSCHAFT ONLINE: Welche Rolle spielt bezahlbarer Wohnraum für Azubis?

Moritz John: In vielen Regionen scheitert eine Ausbildung daran, dass sich junge Menschen die Miete nicht leisten können. Dem begegnen Programme wie „Junges Wohnen“, die ausgeweitet werden sollten.

WIRTSCHAFT ONLINE: Welche politischen Weichenstellungen sind jetzt nötig?

Moritz John: Bildungspolitik darf nicht weiter in Einzelmaßnahmen zerfallen. Es braucht eine klare Strategie, die auf Qualität, Digitalisierung, harmonisierte Standards und eine starke berufliche Bildung setzt. Sonst droht Deutschland den Anschluss zu verlieren.

Zum Deutschlandplan der IHK zu Leipzig

Zu den Infos zur Bildung der IHK zu Leipzig

Ihr Ansprechpartner zum Thema Bildungspolitik: 
Moritz John 
E-Mail: moritz.john@leipzig.ihk.de

Ihre Kontaktperson

Bei Fragen hilft Ihnen die Redaktion der WIRTSCHAFT ONLINE gerne weiter.

T: 0341 1267-1128
E: redaktion@leipzig.ihk.de

Ähnliche Artikel

Fady Masoud hinter der Bar mit einer großen Vase mit Trockenblumen drauf| Privatfoto Gespräch mit der ägyptischen Fachkraft Fady Masoud

Auch wenn der Weg manchmal schwer erscheint – es lohnt sich, an seinen Träumen festzuhalten

05. August 2025

Seit seiner Ankunft 2018 arbeitet der Absolvent der Deutschen Hotelschule El Gouna Fady Masoud in einem Hotel in Düsseldorf. Hier hat er sich mittlerweile zum stellvertretenden Barmanager hochgearbeitet. Eine Erfolgsgeschichte.

Jetzt lesen
El Gouna Wirtschaftsdelegation besuchte Deutsche Hotelschule El Gouna

Frischer Wind für Küche und Service: So begeistern engagierte Azubis mit Sprachpower

15. Juli 2025

In El Gouna in Ägypten werden seit über 20 Jahren hochqualifizierte und engagierte junge Menschen ausgebildet, die auf den hiesigen Fachkräftebedarf in der Hotellerie und im Gastgewerbe treffen.

Jetzt lesen
Christiane Nestler, Schulleiterin der Oberschule Markranstädt, steht vor ihrer Schule Christiane Nestler, Schulleiterin der Oberschule

Praxistage der Oberschule Markranstädt. Eine großartige Idee.

26. Juni 2025

Die Oberschule Markranstädt hat Praxistage für ihre Schülerinnen und Schüler initiiert und schreibt damit seit vier Jahren eine Erfolgsgeschichte. Wir sprachen mit der Schulleiterin Christiane Nestler über Gründe und Hintergründe, Ziele und mögliche Kooperationen mit der regionalen Wirtschaft.

Jetzt lesen