TGZ - Hülsenreich - AIMS
Interview mit Emilie Werner von Hülsenreich GmbH

Eine reuelose Snackalternative schaffen

24. August 2022

Gespräch mit Emilie Wegner von der Hülsenreich GmbH

Der Transformationsprozess hin zu einer nachhaltigen und klimagerechten Gesellschaft braucht in erster Linie Unternehmen, die diese Themen aufgreifen und sinnvoll Lösungen zuführen. Hier haben Start-ups große Möglichkeiten.

Emilie Wegner gründete mit zwei Partnern die Hülsenreich GmbH, die gleich mehrere Aspekte der Nachhaltigkeit aufgreift. Und die Produkte schmecken auch noch wirklich lecker. WIRTSCHAFT ONLINE traf die Ernährungswissenschaftlerin und Gründerin zum Gespräch.

WIRTSCHAFT ONLINE: Guten Tag, Frau Wegner. Sie sind einer der drei Köpfe hinter der Hülsenreich GmbH aus Leipzig. Auf der Webseite von Start-up Incubator Berlin der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin ist zu lesen: „Hülsenreich produziert und vertreibt geröstete Kichererbsen zum Knabbern und fördert damit nicht nur eine vollwertige Ernährung, sondern auch eine nachhaltige Landwirtschaft.“ Beginnen wir mal ganz vorn. Wie kam es zur Gründung von Hülsenreich?

Emilie Wegner: Die Idee hinter Hülsenreich, Snacks aus Hülsenfrüchten herzustellen, kam mir zum Ende meines Ernährungswissenschaftsstudiums. Dass Hülsenfrüchte Dank ihrer guten Nährwerte gesundheitsfördernd sind und zusätzlich dazu sogar ressourcenschonend angebaut werden können, wurde mir als Studentin quasi in jedem Semester erzählt. Aber auch der frustrierende Fakt, dass sie kaum gegessen werden – damals lag der Verzehr in Deutschland bei einem Kilo pro Kopf im Jahr. Parallel dazu wissen wir alle, dass Snacks meistens viel zu fettig, salzig und nicht sättigend sind. Mein Ansatz war also, die gesunde Hülsenfrucht in eine attraktive Form und damit den Menschen näher zu bringen und gleichzeitig eine reuelose Snackalternative zu schaffen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wie fördern Sie mit Ihrem Hülsenreich eine nachhaltige Landwirtschaft ganz konkret und was meinen Sie mit der vollwertigen Ernährung? Und was sind die berühmten Knöllchenbakterien eigentlich?

Emilie Wegner: Indem wir Hülsenfrüchte als Thema sichtbar machen und Produkte aus Hülsenfrüchten auf den Markt bringen, tragen wir unseren Teil dazu bei, den Verzehr von Leguminosen zu erhöhen. Tatsächlich ist die Nachfrage von Kichererbsen und Co. in den letzten Jahren gestiegen. Das erhöht wiederum den Anbau. Hülsenfrüchte zählen zu den Pflanzen, die beim Anbau wenig Wasser brauchen und unsere Böden nicht auslaugen. Die berühmten Knöllchenbakterien binden in Symbiose mit Hülsenfrüchten Luftstickstoff und machen ihn für Pflanzen im Boden verfügbar – ganz ohne Dünger. 

Auf der Ernährungsseite sind Hülsenfrüchte tolle pflanzliche Proteinlieferanten. Der hohe Ballaststoffgehalt fördert außerdem unsere Darmgesundheit und macht langanhaltend satt.

WIRTSCHAFT ONLINE:Welche Herausforderungen gab es bei der Gründung und im ersten Jahr?

Emilie Wegner: Es gab natürlich vieles, was ich als frisch gebackene Uni-Absolventin nicht wusste. Mir war es deswegen wichtig, dass Hülsenreich Gründer-Team von Anfang an stark aufzustellen und habe mir über Netzwerkplattformen im Internet zwei Mitgründer mit wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund gesucht. Zusammen haben wir dann viel gelernt: Mit YouTube und Workshops, aber auch ganz viel mit Nachfragen bei Ämtern, anderen Unternehmern und Experten. Das Herausforderndste war vermutlich im ersten Jahr, unsere Produktion aufzubauen. Von Maschinen und Lebensmittelindustrie hatten wir keine Ahnung.

WIRTSCHAFT ONLINE:Wie haben Sie diese Probleme gelöst?

Emilie Wegner: Auch wieder durch Fragen und Ausprobieren. Ich bin ein dreiviertel Jahr mit gekochten Kichererbsen im Gepäck zu verschiedensten Maschinenherstellern gereist – bis nach Holland. Dort habe ich ausprobiert, welche bezahlbare Maschine knackige Kichererbsensnacks produzieren kann. Schlussendlich bin ich fündig geworden und wir haben unsere erste Produktion starten können.

WIRTSCHAFT ONLINE:In Ihrem Facebook-Video vom 15. April 2022 unter dem Titel „Wir ziehen um!“ sprechen Sie von der Erweiterung Ihrer Produktion. Wie kam es dazu?

Emilie Wegner: Wir haben gerade bereits unseren zweiten Umzug hinter uns. Nachdem wir in Halle super klein in einer 40 Quadratmeter großen alten Bäckerfiliale gestartet sind, zogen wir bereits ein dreiviertel Jahr später nach Leipzig um. Unser zweiter Produktionsstandort hat uns zwei Jahre gute Dienste geleistet, wurde aber sehr schnell zu klein und auch unpraktisch. Das hat uns im Vertrieb eingeschränkt: Wir konnten nicht über 5000 Tüten pro Woche produzieren. Jetzt haben wir mit einer neuen Röstmaschine und einer 400 Quadratmeter großen Halle unseren Kapazitäten nochmals verdreifacht.

WIRTSCHAFT ONLINE: Leipzig ist ja doch eine recht enge Stadt – Sie brauchten eine größere Halle. Wie haben Sie diese gefunden, mit wessen Hilfe und wie lange hat die Suche gedauert?

Emilie Wegner: Die Suche hat tatsächlich viel länger gedauert, als wir dachten und war auch wesentlich komplizierter, als angenommen. Da wir nicht nur viel Strom, sondern auch gute Wasser- und Abwasserinfrastruktur brauchen, mussten wir viele Standorte ausschließen. Irgendwas fehlte immer: Die Abwasserleitung, ausreichend Strom, Ebenerdigkeit, Möglichkeiten für Personalräume… Wir haben über ein Jahr gesucht. Schlussendlich hat die Stadt Leipzig gute Kontakte vermittelt, über die wir zu unserem Objekt gefunden haben.

WIRTSCHAFT ONLINE:Wie müssen wir uns Ihren Vertrieb vorstellen? Mittlerweile sind Sie ja bei großen Ketten gelistet – wie sind Sie da an die Listungen herangekommen?

Emilie Wegner: Bisher funktioniert für uns eine Kombination aus Netzwerkveranstaltungen und Kaltakquise verbunden mit Hartnäckigkeit und „Bestechung“ mit leckeren Snackpaketen. Wir freuen uns jetzt auch sehr auf die kommenden Messen, die wir durch die Pandemie bisher kaum wahrnehmen konnten.

WIRTSCHAFT ONLINE: Sie sind ja ein Dreier-Team in der Gründung gewesen. Wer hat bei Ihnen welche Funktion und wer macht was ganz konkret? Und wie viele Menschen arbeiten mittlerweile im Hülsenreich?

Emilie Wegner: Gunnar kümmert sich bei uns um die Finanzen und die Logistik, Simon übernimmt den Vertrieb und ich leite die Produktion und mache das Marketing. In alle anderen Aufgaben teilen wir uns tagtäglich rein. Uns unterstützen aktuell sieben Menschen in der Produktion, meist sind das Werkstudierende und Teilzeitkräfte. Ab September werden wir zwei Mitarbeiterinnen fördern und ihnen mit einer Vollzeitstelle mehr Verantwortung in Produktion und Logistik übertragen. Zusätzlich suchen wir gegen Ende des Jahres Mitarbeitende im Marketing.

WIRTSCHAFT ONLINE: Ein Blick in die Zukunft – wie geht es weiter? Immer mehr und immer größer? Denken Sie mit einer Exit-Strategie oder wollen Sie selbst weiter Hülsenreich bleiben? Welche Träume wollen Sie sich noch im Hülsenreich verwirklichen?

Emilie Wegner: Wir können nun dreimal so viele Kichererbsensnacks produzieren – jetzt heißt es, auch dreimal so viel zu verkaufen. Wenn wir das im nächsten halben Jahr erreichen, planen wir für 2023, neue Produkte auf den Markt zu bringen. Kleiner Teaser: Es wird süß!

Meine persönliche Ambition ist es, den Kichererbsenanbau in Deutschland weiter zu fördern. Wir machen mit ersten Anbauexperimenten, Vorträgen und Netzwerkgesprächen die ersten Schritte dahin.

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