Ein Blick ins Liniendickicht
28. Mai 2026Der Leipziger Grafikdesigner Daniel Lorenz zeigt bis 14. August 2026 seine Arbeiten im Foyer der IHK zu Leipzig. In der Ausstellung „Aus dem Liniendickicht“ entwickeln sich aus freien Linien vielschichtige Bildwelten. Im Gespräch erzählt der Künstler über seinen Arbeitsprozess, seine Motive und den Reiz der Reduktion.
WIRTSCHAFT ONLINE: Herr Lorenz, Sie signieren Ihre Werke mit „LOR’4519“. Was steckt dahinter?
Daniel Lorenz: LOR ist die Abkürzung für Lorenz. So signiere ich derzeit auch meine Werke. Die Zahl 4519 verweist auf den hauptsächlichen Entstehungsort, nämlich Rackwitz mit der Postleitzahl 04519. Dort lebe ich mit meiner Familie nördlich von Leipzig.
WIRTSCHAFT ONLINE: Ihre Arbeiten kreisen um das, was Sie „Liniendickicht“ nennen. Wie entsteht daraus ein Bild?
Lorenz: Ausschlaggebend für meine Zeichnungen sind freie, willkürliche Linien. Diese ziehe ich über das Papier – ich nenne das entstandene Wirrwarr „Liniendickicht“. Beim genaueren Betrachten entstehen Bilder oder Formen, die ich mit Bleistift vorzeichne und mit Fineliner ausarbeite.
WIRTSCHAFT ONLINE: Warum arbeiten Sie mit diesem offenen, zufälligen Ansatz?
Lorenz: In meinem Beruf als Grafikdesigner gehe ich stark auf den Kunden ein und halte mich an grundlegende Gestaltungsregeln. Darum ist die freie, ungeplante Linie für mich eine Quelle zur Interpretation von Flächen, Formen, Figuren, Perspektiven oder Sichtweisen. Es ist mir immer wieder eine Freude, mich in das Liniendickicht zu begeben und Form in das Ungeformte zu bringen.
WIRTSCHAFT ONLINE: Wie verbinden sich in Ihren Arbeiten realistische und abstrakte Elemente?
Lorenz: Ich versuche, Realismus mit Abstraktion zu kombinieren. So entstehen eher surreale Welten. Die Abstraktion ist dabei ein Zufallsprodukt im Entstehungsprozess der jeweiligen Arbeit.
WIRTSCHAFT ONLINE: Welche Rolle spielt Intuition?
Lorenz: Eine große. Jeder blickt anders auf das Liniendickicht und interpretiert es auf seine eigene Weise.
WIRTSCHAFT ONLINE: Sie arbeiten beinahe ausschließlich in Schwarz. Warum?
Lorenz: Schwarz erzeugt den stärksten Kontrast. Es wirkt sehr direkt. Wie in der Schwarzweißfotografie nimmt man Formen anders wahr, wenn sie nicht bunt sind.
WIRTSCHAFT ONLINE: Viele Ihrer Arbeiten entstehen mit Finelinern. Was macht dieses Werkzeug für Sie aus?
Lorenz: Ja, und zwar mit großer Vorliebe für den 0,05-Millimeter-Finelinerstrich. Zwar verzeiht dieses Werkzeug kaum Fehler, aber gerade seine Feinheit ist für mich ein wichtiges Mittel. Ich will den Betrachter dazu bringen, genauer hinzusehen.
WIRTSCHAFT ONLINE: Was machen Sie, wenn ein Strich misslingt?
Lorenz: Auf Ungenauigkeiten kann man schon Einfluss nehmen, indem ein Fehler wiederum zur Grundlage für die weitere Entwicklung des Bildes wird. Es gab allerdings auch schon Momente, in denen ich eher in den Stift beißen wollte – denn wenn ein Strich gesetzt ist, bleibt er auch.
WIRTSCHAFT ONLINE: In Ihren Motiven tauchen häufig Tiere auf, vor allem Vögel. Was hat es damit auf sich?
Lorenz: Das ergibt sich aus dem Liniendickicht, aus dem, was mein Unterbewusstsein sehen will. Ich versuche gern, bei heimischen Tieren zu bleiben.
WIRTSCHAFT ONLINE: Gibt es bestimmte literarische oder philosophische Werke, die für Ihre Kunst wichtig sind?
Lorenz: Auf jeden Fall. Meine langjährige Arbeit für das Gellert-Museum Hainichen hat mich dem Thema Fabeln sehr nahegebracht. Daraus entstand in den Jahren 2024 und 2025 eine Fabelreihe mit Bezügen zu Fabeldichtern wie Gellert, La Fontaine, Lessing und Aesop. Nach wie vor finde ich die Fabelthemen aktuell. Die Mängel des gesellschaftlichen Zusammenlebens gab es vor 300 Jahren ebenso wie heute.
WIRTSCHAFT ONLINE: Arbeiten Sie mit Vorstudien oder entsteht jedes Werk direkt im Prozess?
Lorenz: Nicht zu Beginn der Bildentstehung. Manchmal ergeben sich Vorstudien erst im Bildprozess oder auch bei der Suche nach einem Titel. Da kann es schon sein, dass eine Recherche mich auf den Weg bringt.
WIRTSCHAFT ONLINE: Welche Kunstwerke entstehen bei Ihnen jenseits der Zeichnung?
Lorenz: Ich arbeite gern mit Holz. So entstanden auch schon Holzfiguren von bis zu 40 Zentimetern Größe. Das liegt wohl daran, dass mein Vater Frank Lorenz Tischler ist und mich dieses Material schon lange begleitet. Als DDR-Kind war ich kreativ und habe an der Werkbank so manches gesägt, gefeilt oder geschnitzt, was es in der Spielwarenabteilung nicht gab.
WIRTSCHAFT ONLINE: Wann wissen Sie, dass ein Werk für Sie abgeschlossen ist?
Lorenz: Das ist bei manchen Werken schwierig. Sie liegen manchmal lange auf dem Tisch, und ich suche weiter nach Formen – manche liegen heute noch dort.
Bei Fragen hilft Ihnen die Redaktion der WIRTSCHAFT ONLINE gerne weiter.