Online-Magazin der IHK zu Leipzig

In verschiedene Berufsfelder hineinschnuppern…

Gespräch mit Jana Sehmisch, Programmleiterin der Aktion „genialsozial – Deine Arbeit gegen Armut“

Als IHK zu Leipzig unterstützen wir mit allen Kräften alle Wege, zukünftige Fachkräfte mit Unternehmen zusammenzubringen. Deshalb ist das Programm „genialsozial – Deine Arbeit gegen Armut“ natürlich auch uns eine Herzensangelegenheit. WIRTSCHAFT ONLINE führte mit der Programmleiterin Jana Sehmisch ein Email-Interview:

WIRTSCHAFT ONLINE: Guten Tag, Frau Sehmisch. Sie sind die Programmleiterin von „genialsozial – Deine Arbeit gegen Armut“. Wir von der IHK unterstützen dieses Programm natürlich nach Kräften. Aber für unsere Leserschaft gefragt: Was ist das eigentlich, dieses „genialsozial“?

Jana Sehmisch: Stell dir vor, du bist jung und engagiert und dir ist nicht egal, was in der Welt passiert. Du möchtest helfen, aber du fragst dich, wie und ob das allein überhaupt möglich ist.
„genialsozial“ kann diese Frage beantworten und sagt: ja, das geht, aber eben nicht allein, sondern mit ganz vielen anderen Jugendlichen zusammen.
Im besten Fall entsteht so eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Gutes tun, in verschiedene Berufsfelder hineinschnuppern und erste wichtige Kontakte mit zukünftigen Fachkräften in der Region knüpfen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Was für Projekte konnten denn schon am Aktionstag partizipieren?

Jana Sehmisch: Das ist recht divers und lässt sich vielleicht am besten mit unserem Haupanliegen erklären. Alle geförderten Projekte haben eine gemeinsame Zielstellung, nämlich der Benachteiligung und Not von Kindern und Jugendlichen etwas entgegensetzen, damit sie eine Zukunft haben, die Chancen bereithält. Wir möchten weltweit („genialsozial-global“) und ebenso direkt vor der eigenen Haustür („genialsozial-lokal“) aktiv werden. In den letzten 18 Jahren wurden 52 globale und über 2000 lokale Projekte verwirklicht. Im Globalen Süden finanzieren wir Krankenstationen, Schulen, Waisenhäuser, Hebammenstützpunkte in Bergregionen oder Kampagnen gegen Genitalverstümmelung. In Sachsen sieht die Armut anders aus, versteckt sich zum Teil, aber auch hier bleiben junge Menschen hinter ihren Möglichkeiten zurück, wenn wir nicht aufpassen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Interessant ist das Programm auch, weil Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gegeben wird, mal einen Tag in richtige, praktische Arbeitswelten hineinzuschauen, richtige Arbeit zu erfahren. Wie ist die Resonanz aus der Schülerschaft? Wie sind die Erfahrungen der letzten Jahre?

Jana Sehmisch: Die Teilnahme an „genialsozial“ ist freiwillig, das ist uns als Organisatorin der Aktion ganz wichtig. Ein Schüler aus dem Erzgebirge hat es mal so formuliert: „Ich habe von der 7. bis zur 12. Klasse beim Aktionstag mitgemacht und mich ganz bewusst jedes Jahr für einen anderen Arbeitgeber entschieden. Am Ende meiner Schulzeit wusste ich dann sehr genau, was ich machen wollte und was auf keinen Fall.“

Trotz der vielfältigen Kommunikation kommt es bei einer derart großen Aktion hier und da auch mal zu Unmut, aufgrund von Missverständnissen, wir nennen es das „Stille-Post-Phänomen“. Das reicht von der falschen Annahme, dass man nur in sozialen Einrichtungen arbeiten soll, bis hin zu der Erwartung, dass die Stiftung jedem Jugendlichen einen Arbeitsplatz zuteilt. Wir bemühen uns aber, möglichst alle gut mitzunehmen, zu vermitteln und in der Regel gelingt das auch.

WIRTSCHAFT ONLINE: Können Sie uns ein paar Zahlen nennen? Wie viele Schülerinnen und Schüler waren denn dabei, wie viele Unternehmen, und wie hoch war der Erlös?

Jana Sehmisch: „genialsozial“ wird in diesem Jahr volljährig – es handelt sich also bereits um den 18. Aktionstag. Die Zahlen bis 2020 sind wirklich beeindruckend und lassen auch mich immer wieder staunen. Das Engagement der Jugendlichen, aber auch der Arbeitgebenden, der Lehrkräfte und nicht zuletzt der Eltern war jedes Jahr enorm. Allein im Jahr 2019 haben 34.000 Schülerinnen und Schüler aus 287 sächsischen Schulen teilgenommen und insgesamt 730.000 Euro für soziale Zwecke gespendet. Die Anzahl der Arbeitgebenden, die sich beteiligen, steigt jährlich an und betrug zuletzt über 25.000.

WIRTSCHAFT ONLINE: Und wie läuft das Procedere ab?

Jana Sehmisch: Im Grunde ganz niedrigschwellig, aber mit dem pädagogischen Anspruch, dass die jungen Menschen weitestgehend selbstständig losgehen und sich ihren Arbeitsplatz suchen. Das geht je nach Altersstufe mit mehr oder weniger Hilfe von Erwachsenen vonstatten, aber bei allen ist der Ablauf gleich. Sobald die Schule bei „genialsozial“ angemeldet ist – das ist wichtig für den Unfallversicherungsschutz – kann es losgehen. Es braucht im Prinzip nur wenige Schritte:

  1. „genialsozial“-Arbeitsvereinbarung in der Schule abholen oder einfach runterladen unter mitmachen.genialsozial.de
  2. Arbeitsplatz finden, Aktion erklären, gemeinsam die Arbeitsvereinbarung ausfüllen
  3. Eltern unterzeichnen lassen
  4. Am Aktionstag arbeiten gehen und die Arbeitgebenden bitten, den Lohn an „genialsozial“ zu überweisen.

Trotzdem ist es uns wichtig, dass die Arbeitssuche unterstützt wird, indem man sich – als Arbeitgebender – sichtbar für die jungen Leute macht. Das geht entweder ganz einfach über die Plattform www.pocketjob.de/genialsozial oder man nimmt Kontakt mit unserem Team auf und wir vermitteln. Es sind zwar die Schülerinnen und Schüler, die sich einen Job suchen, aber unterstützen können die Aktion wirklich alle auf ganz unterschiedliche Weise.

Welche Vorhaben gefördert werden, entscheiden die sächsischen Schülerinnen und Schüler auf der „genialsozial-Jurytagung“. Dort kommen Delegierte aus den teilnehmenden Schulen zusammen, beraten über vier Tage hinweg und wählen die Anträge aus, die mit dem erarbeiteten Geld umgesetzt werden. 30 Prozent der Gesamtsumme gehen an die Schulen zurück und die dortige Schulgemeinschaft verfügt damit über die „genialsozial-lokal“-Projekte.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wenn nun ein Unternehmen davon erfährt und die Idee, vielleicht gar durch „genialsozial“ spätere Fachkräfte auf sich aufmerksam zu machen, für sich wahrnimmt – wie und über welche Wege kommt dieses mit Ihnen in Kontakt?

Jana Sehmisch: Wir sind über alle gängigen Medien zu erreichen, entweder ganz klassisch über Telefon und Mail, selbst Fax – aber auch Instagram- oder Facebook-Messages werden beantwortet.  

Unsere Homepage www.genialsozial.de bündelt alle Informationen zur Kontaktaufnahme, zum Ablauf, zu arbeitsrechtlichen Fragen etc. und zeigt zahlreiche Impressionen zu den geförderten Projekten.

WIRTSCHAFT ONLINE: Aus welchen Bereichen der Wirtschaft waren denn schon Unternehmen beteiligt? Und welche wollen Sie ganz besonders ansprechen?

Jana Sehmisch: Das lässt sich recht kurz mit „aus allen“ beantworten. Zumindest würde mir spontan keine Branche einfallen, die nicht vertreten ist. Software-, Automobil- und Logistikunternehmen sind ebenso dabei wie die Ernährungs- und Textilindustrie, der Einzelhandel und medizinische Dienstleistungen. Große, kleine und mittelständische Unternehmen: keine Aufzählung könnte den vielen helfenden Händen je gerecht werden.

WIRTSCHAFT ONLINE: Im Vorfeld des Aktionstags am 12. Juli 2022 muss es ja zur Aushandlung der „Arbeitsverträge“ kommen. Wie läuft das ganz konkret ab?

Jana Sehmisch: Um den Aufwand für die Schulen und die Arbeitgebenden so gering wie möglich zu halten, gibt es für nahezu alles bereits einen Vordruck oder eine Checkliste. Unser wichtigstes Instrument ist die sogenannte Arbeitsvereinbarung. Die Schülerinnen und Schüler bringen diese in Papierform mit zur Ansprechperson ins Unternehmen oder nutzen das Onlinetool auf mitmachen.genialsozial.de. Vereinbart werden die Tätigkeit, die Arbeitszeit und der Stundenlohn. Alle diese Punkte orientieren sich am Alter und den Fähigkeiten der jungen Menschen. Zudem enthält die Arbeitsvereinbarung alle wichtigen Informationen zu Themen wie Lohnbuchhaltung, Jugendarbeits- oder Versicherungsschutz. Zum Schluss unterzeichnen die Erziehungsberechtigten und geben damit ihre Zustimmung zu den Verabredungen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Und was macht die Sächsische Jugendstiftung neben „genialsozial“ noch so?

Jana Sehmisch: Die Sächsische Jugendstiftung versteht sich vor allem als sinnstiftende Plattform, die junge Menschen in respektvollen Austausch bringt und ihnen einfache Möglichkeiten schafft, sich für andere einzusetzen. Derzeit gibt es 10 Projekte und Programme, die sich mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten an junge Menschen und ihre Unterstützersysteme innerhalb und außerhalb von Schule richten. Während es bei „genialsozial“ im Wesentlichen um die Bekämpfung von Kinderarmut geht, widmen sich andere Kolleginnen und Kollegen dem Klimaschutz, jugendpolitischem Engagement oder auch der historischen Spurensuche von Herkunft und Heimatregion. Zusätzlich unterstützen wir finanziell Jugendprojekte oder Jugendclubs, um den Folgen der Pandemie etwas entgegensetzen zu können.

WIRTSCHAFT ONLINE: Noch zu Ihnen, liebe Frau Sehmisch. Sie sind bei der Sächsischen Jugendstiftung beschäftigt. Wie sind Sie den dorthin gekommen? Man wacht ja nicht frühmorgens nach einer Partynacht auf und sagt sich: „Ich wollte ja schon immer bei der Sächsischen Jugendstiftung arbeiten, da bewerbe ich mich jetzt einfach mal.“

Jana Sehmisch: Doch doch, ich wollte tatsächlich schon immer bei der Sächsischen Jugendstiftung arbeiten. Ich habe mich bereits während meines Lehramtsstudiums in Projekten der Jugendhilfe engagiert und seit 2011 auch ehrenamtlich bei „genialsozial“. Als dann viele Jahre später die Möglichkeit bestand, Teil des Teams zu werden, habe ich keine Sekunde gezögert und es bis heute nicht bereut – denn sinnstiftend ist unsere Arbeit nicht nur im Außen. Ich empfinde meine täglichen Aufgaben als wichtig und ich habe das Gefühl, einen kleinen, aber ganz eigenen Beitrag für ein besseres Morgen leisten zu dürfen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Vielen Dank für Ihre Zeit, Ihre Antworten und Ihr Engagement.

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Fotocredit: Jana Sehmisch

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