Online-Magazin der IHK zu Leipzig

… dafür braucht es die Unternehmen der Region.

Gespräch mit der Wissenschaftlichen Leiterin der World Canals Conference 2022, Frau Angela Zábojník

Vom 30. Mai 2022 bis zum 3. Juni 2022 findet die WCC (World Canals Conference) statt. Ausrichterin ist die Stadt Leipzig mit vielen Partnerinnen und Partnern – auch der IHK zu Leipzig. Somit ist Deutschland auch erstmalig Austragungsland, nach Irland (2018), China (2019) und den USA (2020).

Die WIRTSCHAFT ONLINE unterhielt sich mit der Wissenschaftlichen Leiterin der WCC, Frau Angela Zábojník, die gleichzeitig auch Leiterin der Abteilung Gewässerentwicklung im Amt für Stadtgrün und Gewässer der Stadt Leipzig ist, über die Ausrichtung der Konferenz und was diese der hiesigen Wirtschaft bringt.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wo findet die WCC ganz konkret statt?

Angela Zábojník: Die WCC findet ganz nah an der Innenstadt statt – und zwar in der Kongresshalle am Zoo. Nicht in der Kongresshalle an der Neuen Messe, da wir wollten, dass die Gäste fußläufig aus der Stadt heraus in die Kongresshalle gelangen. Das Gebäude, errichtet 1900, ist wunderschön am Zoo gelegen. In den Pausen kann man Tiere bewundern. Das Gebäude hat sehr verschiedene Räumlichkeiten, die an die Geschichte der Stadt und des Gebäudes erinnern. Wir sind wirklich froh, dass wir diesen Ort nutzen können.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wer ist eingeladen und worüber wird kommuniziert?

Angela Zábojník: Das ist eine ganz besondere Konferenz, die noch niemals in Deutschland zu Gast war. Völlig unbekannt, erstmals in Deutschland und es geht um Binnenwasserwege. Also Wasserwege, die es in Deutschland in wirklich großer Zahl gibt, auf denen man mit einem Boot, egal wie klein es ist, fahren kann. Das sind Seen, Fließgewässer, Kanäle, natürliche, aber auch künstliche Gewässer.

Wie das bei einer Konferenz ja so ist, können sich die Teilnehmer anmelden und sich mit einer Präsentation zu einem fachlichen Thema ihres Heimatlandes bewerben. Wir haben die Keynotespeaker, also die Hauptredner, mit Augenmerk angesprochen und ausgewählt. Was uns sehr freut ist der Fakt, dass wir Fachleute aus aller Welt haben, aus Schottland, aus Irland, aus Äthiopien, aus Indien, aus China, wahrscheinlich aus Kolumbien, aus Deutschland natürlich, aus Holland, aus Belgien usw. Wir sind ganz bunt gemischt und wir haben auch eine interessante Mischung bei den Keynotes aus der Wissenschaft, aus der Praxis, aus der Wirtschaft, von Behörden und von Politikern.

WIRTSCHAFT ONLINE: Könnten Sie da bitte etwas konkreter werden?

Angela Zábojník: Gern. Es kommen zum Beispiel die Ministerpräsidenten aus Sachsen-Anhalt und Sachsen, dazu die Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft aus Thüringen, Frau Karawanskij. Schließlich richtet ja Mitteldeutschland die Konferenz gemeinsam aus. Es wird eine Videobotschaft vom EU-Kommissar für Umwelt, Meere und Fischerei, Herrn Sinkevičius, geben, dazu einen Vortrag einer europäischen Kollegin, die sich um europäische Politik, bezogen auf die Binnenwasserwege kümmert.

Die USA wird vertreten sein. Für das Emscherland wird der Vorstandsvorsitzende der Emschergenossenschaft und des Lippeverbandes, Herr Prof. Dr. Uli Paetzel, sprechen.

Wir haben als Schirmherrin Frau Steffi Lemke angefragt, die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Und es werden natürlich der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig und auch Heiko Rosenthal, als Bürgermeister für Umwelt, Klima, Ordnung und Sport anwesend sein.

Wir haben wirklich ein ganz, ganz breites Programm. So wird Herr Prof. Dr. Andreas Berkner vom Regionalen Planungsverband Leipzig-Westsachsen als Keynotespeaker vertreten sein. Worüber wir uns auch freuen, ist, dass die Leiterin der Wassertourismusinitiative Nordbrandenburg, Frau Julia Pollok, sprechen wird. Es werden Kollegen vom Finowkanal kommen und es werden auch Ethnologen dabei sein, die über die Beziehung zwischen Wasser und Mensch sprechen. Unser Amt wird sich ebenso umfassend vorstellen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Bis jetzt haben Sie ja eher Reden und Vorträge im Programm. Wird es auch Diskussionsveranstaltungen geben? Wie finden sich die Menschen zum Gespräch?

Angela Zábojník: Wir haben zum Beispiel eine Talkrunde, wo wir darüber reden werden, wie sich die Menschen mit dem Strukturbruch ´90 und dem Strukturwandel, der jetzt kommen wird, auseinandergesetzt haben. Hier konnten wir eine äußerst spannende Zusammensetzung schaffen: Herr Steinbach als ehemaliger Regierungspräsident und auch Herr Erwin Linnenbach werden teilnehmen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Erwin Linnenbach? Da müssen Sie noch ein paar Informationen zusteuern, Frau Zábojník.

Angela Zábojník: Das ist der Mann, der Belantis gegründet hat damals ´98/´99, als hier wirklich noch nichts geflutet war. Als alles grau war, hat er versucht, hier einen Vergnügungspark in eine Region zu bringen, die zwischen ´90 und ´96 gerade 100.000 Menschen verloren hatte. Also ein sehr mutiger und visionärer Mensch.

WIRTSCHAFT ONLINE: Und weiter? Wer ist noch bei der Talkrunde Gast?

Angela Zábojník: Wir sind auch sehr froh, Herrn Mario Schröder in der Talkrunde zu haben, unseren Ballettdirektor, um das Wechselspiel von Kultur, Kunst und Transformation darzustellen. Als Vierter wird Herr Falk Bruder sprechen. Der vertritt den Wasserwanderausschuss, also die Menschen, die die Fließgewässer nutzen, um zu paddeln und unterwegs zu sein.

Ihre Frage war aber auch: Wie finden sich die Menschen? Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Zuerst haben wir natürlich Kaffeepausen. Das klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber Kaffee- und andere Pausen sind mit das Wichtigste, um sich zu vernetzen.

Es gibt auch noch eine große Ausstellung von Unternehmen aus ganz Deutschland, die sich präsentieren wollen. Hier kann man sich auch treffen und ins Gespräch kommen. Es gibt weiterhin eine Poster-Ausstellung von kleineren Unternehmen. Und auch in der einstündigen Mittagspause kommt man zusammen. Und jeden Nachmittag ab 15:00 Uhr sind wir zu Exkursionen in Mitteldeutschland unterwegs.

WIRTSCHAFT ONLINE: Das klingt interessant, besonders vom Vernetzungsaspekt der Akteure her. Wo geht es denn zum Beispiel hin?

Angela Zábojník: Zum Beispiel fahren wir nach Ferropolis mit einem Sonderzug für 400 Leute, inklusive kultureller Umrahmung in Ferropolis. Dort wird auch der Sachsen-Anhaltinische Minister für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten Herr Sven Schulze sprechen. Wir hoffen, dass wir uns im Rahmen der Pausen und besonders der Exkursionen stark vernetzen und austauschen können. Das ist wundervollerweise auch so üblich bei den Weltkonferenzen für Binnenwasserwege: Dass man erst Wissen aufsaugt und dieses dann als Impuls nimmt zur Diskussion. Und sehr oft gibt es dann sowohl wirtschaftliche Vernetzungen in den darauffolgenden Jahren aber auch sehr viele auf den Verwaltungsebenen und in der Wissenschaft.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wie kann die hiesige Wirtschaft im Kammerbezirk konkret an der Ausrichtung der WCC partizipieren?

Angela Zábojník: In vielerlei Hinsicht: sie können teilnehmen und sich dort vernetzen mit anderen Fachleuten aus aller Welt, die – zum Teil – auch ihre Technik vorstellen. Wir haben auch Teilnehmer, die digitale Lösungen zur Unterstützung von Bootsführern vorstellen. Es gibt viele, die sich mit Wasserqualität und mit Maßnahmen zur Klimaanpassung beschäftigen.

Dann können sich unsere Unternehmen auch selbst präsentieren. Zum Beispiel mit einem Vortrag. Sie können auch als Sponsor auftauchen und sich dafür in unserer Ausstellung zeigen und dadurch ins Gespräch kommen mit den Kollegen aus Deutschland, aber auch aus aller Welt. Sie können natürlich auch dadurch partizipieren, dass sich durch all die Anregungen, die von der WCC kommen, auch weitere Planungs- und Baumaßnahmen für unsere Region ergeben. Man bekommt eine gute Idee und überlegt: Das könnten wir nach Mitteldeutschland, in unsere Region, in den Kammerbezirk übertragen und vielleicht sogar planen und bauen.

WIRTSCHAFT ONLINE: Was ja auch langfristig vorteilhaft sein kann.

Angela Zábojník: Genau. Hier können Unternehmen längerfristig aktiv werden, weil wir ja für alles, was wir bauen, auch Unterhaltung benötigen und dafür braucht es natürlich die Unternehmen der Region. Alles, was wir tun, auch in Hinsicht auf den Strukturwandel, der jetzt folgt, ist darauf ausgerichtet, neue temporäre und auch ständige Arbeitsplätze zu schaffen. Wir müssen Ausbildungsplätze schaffen. Die Tourismuswirtschaft ist ja ein aufsteigender Wirtschaftszweig. Hier dürfen wir nicht nur den Gästeführer sehen, der im Bus die Region erklärt. All das, was man erklärt, muss ja erst einmal geplant, geschaffen und später unterhalten werden. Das ist eine Riesenreihe.

Oder die Gastronomie für unterwegs, um einmal anzuhalten oder die Unternehmen, die die Busse fahren … das ist ein Prozess, der sich immer wieder fortsetzt.

WIRTSCHAFT ONLINE: Also vielfältige Möglichkeiten in Zukunft.

Angela Zábojník: Und auch in der Vergangenheit. Die Unternehmen haben von der Gesamtentwicklung im Leipziger Neuseenland sehr viel profitieren können. Aber nicht nur. Die Unternehmen haben das alles auch mitgestaltet. Die Menschen aus aller Welt kommen hierher, um zu schauen: Was habt ihr denn hier geschaffen? Was habt ihr seit der Friedlichen Revolution 1989 hier gestaltet?

Wenn man hier in Leipzig ist, dann ist man ja als Deutscher immer unzufrieden. Alles geht zu langsam, nichts geht vorwärts, es ist nicht in der Qualität, die man will.

Was mir hilft bei meiner Arbeit ist, dass ich oft die Möglichkeit habe, Fachkollegen aus aller Welt bei Exkursionen zu führen. Gerade diese Führungen in der Region helfen mir zu sagen: Wir haben doch wirklich viel geschafft! Trotz unserer Kurzsichtigkeit manchmal, was die Erfolge betrifft. Ausreichende Visionen haben wir langfristig, aber wir sind immer unzufrieden, weil irgendetwas nicht schnell genug geht.

Bei Vorträgen vor Bürgern, wenn wir Entwicklungen wie die Offenlegung der Mühlgräben darstellen, dort wo Unternehmen ja sehr stark beteiligt waren – in der Planung, in der Umsetzung, in der Unterhaltung – da merkt man schon, dass die Menschen sehen, dass viel passiert ist. Da kommt die Anerkennung, die man im tagtäglichen Ärger nicht wahrnehmen kann, auch zurück.

Ohne die Unternehmen, die uns unterstützen und die auch mitüberlegen, die auch in der Ausführung noch mitdenken und manchmal auch dieser Phase der Bauausführung bessere Ideen entwickeln, würde unsere Region nicht so schön sein, wie sie ist.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wer ist alles beteiligt an der Organisation der WCC?

Angela Zábojník: Die Stadt Leipzig mit ihren Partnern wie der Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH und die Leipziger Messe GmbH, haben sich beworben und den Zuschlag bekommen – für ganz Mitteldeutschland.

An der Organisation sind jedoch ganz viele fleißige Bienchen aus ganz Deutschland beteiligt. Wir haben mehrere Arbeitsgruppen mit Menschen aus ganz Deutschland, aus Norddeutschland, Potsdam, dem Finowkanal, Bonn; die alle mit vorbereiten und zum Beispiel das ganze wissenschaftliche Programm mit erstellen. Eine wirklich große Arbeitsgruppe.

Dann gibt es ein wissenschaftliches Komitee mit Vertretern von Unternehmen, Wissenschaftlern, Vertretern von Behörden und Verwaltungen, die jeden Beitrag, der sich bewirbt, beurteilen, ob er vortragswürdig ist, in welche Session wir ihn einordnen. Das sind auch noch einmal 12 Leute.

Und dann gibt es einen Beirat, das ist ein Gremium, welches sich aus Staatssekretären, aus Landräten, Bürgermeistern zusammensetzt, also aus Entscheidungsträgern und die geben uns Impulse zur strategischen Ausrichtung und lassen Ideen einfließen.

Das ist also kein Kongress, der im kleinen Kämmerchen vorbereitet wird.

Es gibt ganz viele Akteure. Aus der Stadt, aus der Region und auch die IHK zu Leipzig ist dabei und die IHK Halle/Dessau arbeitet mit und die IHK Neubrandenburg für das östliche Mecklenburg-Vorpommern.

Wir stehen auf breiten Füßen und hier in Leipzig laufen alle Fäden zusammen. Wie gesagt: Diese Konferenz ist erstmals in Deutschland, niemand kennt sie, allen muss man sie erklären.

WIRTSCHAFT ONLINE: Wie finanziert sich die Konferenz überhaupt?

Angela Zábojník: Wir hoffen auf viele Teilnehmer, da die WCC sich ausschließlich über Sponsoring und Teilnahmebeiträge finanziert. Wir sind dankbar über jeden Teilnehmer, der kommt und die Konferenz bereichert.

WIRTSCHAFT ONLINE: Durch Kongresse wie die WCC erhöht sich ja auch die Aufmerksamkeit und dadurch auch der Nutzungsdruck auf die hiesige Gewässerlandschaft. Dies hat, so kritisieren Menschen, auch negative Einflüsse. Wie soll dem entgegengewirkt werden?

Angela Zábojník: Das ist eine sehr gute und äußerst wichtige Frage. Unsere WCC bedient ein sehr breites Themenspektrum. Jeder Ausrichter muss sich mit einem Thema bewerben. Unser Schwerpunkt ist grundsätzlich die Transformation von einer Bergbaufolge- zu einer Gewässerlandschaft. Also von einer devastierten Umwelt zu einer Landschaft, die man genießt. Ein Tourist kommt nur dahin, wo es schön ist. Niemand will paddeln, wo es nicht landschaftlich attraktiv oder völlig überlaufen ist.

Ein großer Schwerpunkt bei uns ist die multifunktionale Nutzung von Gewässern, also Hochwasserschutz, die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie, die Freizeitschifffahrt – das heißt auch Paddeln – und natürlich der Naturschutz und Artenschutz.

WIRTSCHAFT ONLINE: Was bedeutet das ganz konkret?

Angela Zábojník:  Wir haben mehrere Sessions in dieser Richtung. Eine heißt zum Beispiel „Wassertourismus in sensiblen Landschaften“ mit fünf Vorträgen nur zum Thema „Weltweite Beispiele von Gewässernutzung in sensiblen Landschaften“, „Erhalt von Arten und gleichzeitig Nutzung durch den Menschen“. Auch der NABU wird kommen, der ja zum Beispiel die Havelniederung renaturiert hat. Es wird auch das Projekt „Lebendige Luppe“ vorgestellt, welches ja im Prinzip die Rettung des Auwaldes zum Gegenstand hat. Wir haben auch Herrn Guido Puhlmann, den Leiter des Biosphärenreservats Mittelelbe als Keynote-Sprecher zu Gast, der zur multifunktionalen Nutzung von Wasserwegen unter anderem in UNESCO-Reservaten referieren wird. Wir wissen: wenn wir die Landschaft, die wir in den letzten 30 Jahren so entwickelt haben, wie sie jetzt ist, wo man frei atmen kann und wo man sich frei bewegen kann – wer hier vor den 90ger Jahren aufgewachsen ist weiß, wovon ich spreche – wenn wir das nicht erhalten und nachhaltig weiterentwickeln, dann wird bei den Wasserwegen die Funktion Erholung verschwinden.

Während der Pandemie haben wir gemerkt, dass die Freiräume, die Parks und Gewässer einen sehr hohen Nutzungsdruck erfahren haben. Die Leute haben sich bewegt, um überhaupt etwas zu tun, haben Sport getrieben. Es saßen aber auch unwahrscheinlich viele Menschen, wenn sie in Cospuden, Zwenkau oder Markkleeberg waren, am Ufer und haben einfach das Wasser angeschaut. Ein Thema der WCC ist auch „Wasser und Gesundheit“, um dafür zu sensibilisieren, was Wasserwege, auch Seen, unserer Gesundheit, besonders auch unserer mentalen Gesundheit, bringen. Also Multifunktionalität in jeglicher Hinsicht.

WORLD CANALS CONFERENCE (WCC) im Internet

Fotocredit: Volker Hartmann-Tanner für die IHK zu Leipzig

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