Außenwirtschaftsnachrichten

Die geografische Nähe zu Europa reduziert zudem Transportzeiten gegenüber weiter entfernten Beschaffungsmärkten. Hinzu kommt die Zollunion mit der Europäischen Union. Sie besteht für einen Großteil der Industriegüter seit 1996 und erleichtert den Warenverkehr erheblich. Gleichzeitig hat die Türkei im Zuge dieser Integration große Teile des europäischen technischen Produktrechts übernommen. Interessant ist außerdem, wie sich die Exportstruktur verändert. Der türkische Maschinenexport ist in den vergangenen 20 Jahren nach Angaben des staatlichen Investitionsbüros etwa um das Zehnfache gestiegen. 2025 erreichte der durchschnittliche Exportwert mit 8,1 US-Dollar je Kilogramm einen neuen Höchststand. Das ist für sich genommen kein Qualitätsnachweis, zeigt aber, dass sich die Branche zunehmend um Produkte mit höherer Wertschöpfung bemüht. Gerade hier liegt auch eine Chance für Sachsen. Die Automatisierung der türkischen Industrie ist noch nicht abgeschlossen. 2024 waren nach Angaben der US-Handelsbehörde rund 29.200 Industrieroboter in der Türkei im Einsatz. Mit 51 Robotern je 10.000 Beschäftigten liegt die Roboterdichte insgesamt noch deutlich unter dem von der Quelle genannten internationalen Durchschnitt von 162. Gleichzeitig erreicht die türkische Automobilindustrie mit mehr als 260 Robotern je 10.000 Beschäftigten bereits ein wesentlich höheres Niveau. Der Nachholbedarf außerhalb der großen Automotive-Werke eröffnet Märkte für Robotik, Sensorik, Maschinensteuerungen, Messtechnik, industrielle Software, Predictive Maintenance und Lösungen zur Energie- und Ressourceneffizienz. Und wie steht es um die Qualität? Die Spannweite innerhalb der Branche ist groß. Neben stark preisorientierten Herstellern gibt es Unternehmen, die seit Jahren an europäische Automobil-, Luftfahrt-, Hausgeräte- oder Maschinenbaukonzerne liefern und entsprechend anspruchsvolle Qualitätsmanagement- und Produktionsprozesse aufgebaut haben. Insbesondere Automotive und Luftfahrt gehörten in der Türkei zu den frühen Anwendern moderner Fertigungstechnologien. Internationale Kunden und OEMs zwingen ihre lokalen Zulieferer, hohe technische und qualitative Anforderungen zu erfüllen. Auch die CE-Kennzeichnung schafft eine gemeinsame regulatorische Sprache. Die Türkei hat wesentliche Teile des europäischen Produktsicherheitsrechts übernommen; für Maschinen gelten entsprechende Konformitätsanforderungen. Wichtig ist allerdings: CE ist kein Qualitätssiegel. Die Kennzeichnung bestätigt die Konformität mit den einschlägigen technischen Vorschriften. Über Fertigungspräzision, Lebensdauer, Prozessstabilität oder die Qualität eines Lieferanten sagt sie allein wenig aus. Für deutsche Einkäufer bleibt deshalb die klassische Lieferantenqualifizierung entscheidend: Wie werden Materialien rückverfolgt? Welche Mess- und Prüfmittel stehen zur Verfügung? Wie werden Schweiß-, Guss- oder Bearbeitungsprozesse dokumentiert? Gibt es belastbare Referenzen aus EU-Märkten? Wie funktionieren Änderungsmanagement, Ersatzteilversorgung und Service? Bei anspruchsvollen Bauteilen ist ein Audit vor Ort häufig aussagekräftiger als eine lange Liste von Zertifikaten. Zusätzliche Bedeutung bekommt das Thema durch die neue EU-Maschinenverordnung. Die Verordnung (EU) 2023/1230 gilt ab dem 20. Januar 2027. Wer heute gemeinsam Maschinen oder Komponenten für den europäischen Markt entwickelt, sollte die neuen Anforderungen deshalb bereits bei Konstruktion und Dokumentation berücksichtigen. Wo Sachsen und die Türkei zusammenpassen Die interessantesten Kooperationen liegen nicht unbedingt dort, wo der niedrigste Teilepreis gesucht wird. Eine aussichtsreiche Arbeitsteilung entsteht vielmehr, wenn türkische Fertigungstiefe und Flexibilität auf sächsische Kompetenzen bei Präzision, Automatisierung und Spezialmaschinenbau treffen. Für sächsische Unternehmen kann die Türkei einerseits Beschaffungsmarkt für bearbeitete Komponenten, Guss- und Metallteile, Baugruppen, Formen oder kundenspezifische Fertigung sein. Andererseits entsteht ein wachsender Absatzmarkt für Robotik, Messtechnik, Sensorik, Steuerungstechnik, energieeffiziente Antriebe, industrielle Software und Retrofit-Lösungen. Ein drittes Modell ist die gemeinsame Entwicklung: Ein sächsischer Technologieanbieter liefert beispielsweise Kerntechnologie und Engineering, während ein türkischer Partner Fertigung, Montage und Service übernimmt. Von dort aus lassen sich wiederum Märkte im Nahen Osten, in Zentralasien und Nordafrika adressieren. Seit 2014 besteht zwischen dem Türkischen Maschinenbauverband „Turkish Machinery“ und dem sächsischen Maschinenbaunetzwerk „Innovationsverbund Maschinenbau Sachsen VEMASinnovativ“ eine Partnerschaft. Über viele Jahre wurden sowohl in Sachsen als auch in der Türkei Delegationsreisen, Technologieforen und Messebeteiligungen in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung Sachsen oder der IHK Chemnitz organisiert. Ziel ist es, den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen in unterschiedlichen Technologiefeldern des Maschinenbaus zwischen beiden Ländern zu befördern. Die Wirtschaftsförderung Sachsen beschreibt die Türkei gerade wegen dieser geografischen Lage als Fertigungsdrehscheibe zwischen EU, MENA-Region und Zentralasien. Die Industrie ist seit Jahrzehnten eng in europäische Lieferketten integriert. Dass der Markt in Sachsen stärker in den Fokus rückt, ist kein Zufall. Nach Angaben der Wirtschaftsförderung Sachsen haben sich die sächsischen Exporte in die Türkei seit 2020 nahezu verdoppelt. 2026 organisierte die WFS zudem eine eigene Markterkundungsreise mit dem Schwerpunkt Maschinenbau, Robotik und Fertigungstechnologien. 8 Außenwirtschaftsnachrichten 5 | Oktober / November 2026

RkJQdWJsaXNoZXIy ODM4MTk=