12 Außenwirtschaftsnachrichten 1 | Februar / März 2026 Weltweit erfolgreich Rückkehr der Geopolitik: Was sich im Welthandel verschiebt und warum Europa stärker werden muss Das internationale Geschäft war über Jahrzehnte geprägt vor allem von Kostenoptimierung der Lieferketten und der Erschließung globaler Märkte: Wer effizient produziert, verlässlich liefert und wettbewerbsfähige Preise anbietet, setzt sich durch. Trotz Krisen verschaffte die Globalisierung einen tragfähigen Rahmen und ermöglichte immense Vorteile. Dieses Konstrukt ist seit einigen Jahren deutlich unruhiger geworden – die Geopolitik ist zurück und wird geprägt vom Wettbewerb der Machtblöcke! Vor allem der Wettbewerb zwischen USA und China dominiert die Weltwirtschaft; Technologie- und Industriepolitik werden strategisch eingesetzt, wobei der Handel in Form von Zöllen, Sanktionen, Exportkontrollen und Subventionen instrumentalisiert wird. Abseits dieses Wettbewerbs ist Russlands Krieg gegen die Ukraine ein Einschnitt, der Europa stärker betrifft als andere Regionen – sicherheitspolitisch, energiepolitisch und wirtschaftlich. Insbesondere für deutsche Unternehmen erschwert diese tektonischen Bewegungen der Geopolitik, die Resilienz und Krisenanfälligkeit von Lieferketten und Absatzmärkten abzuschätzen. Mittlerweile werden das Tagesgeschäft sowie die strategische Entscheidungsfindung der Unternehmen vor allem über Handelsströme, Investitionsentscheidungen und Standortfragen durch diese Entwicklungen mitgeprägt. Unternehmen im Anpassungsmodus Wie reagieren Unternehmen auf Handelskonflikte? Wenn Zölle steigen und Handelsbarrieren geschaffen werden, werden nicht nur Lieferwege angepasst, sondern auch Standort- und Investitionsentscheidungen neu bewertet. Gerade für multinationale Großkonzerne stellt sich die Abwägung, ob die Produktion näher am Absatzmarkt verlagert werden sollte, um Zollrisiken zu reduzieren – „Tariff-Jumping“ statt Export. Diese Tendenz ist jedoch nicht nur ein Thema für Großkonzerne. Auch für den Mittelstand sind diese Entwicklungen entscheidend, da solche Standortverschiebungen gesamte Lieferketten mitziehen und verändern können: Anforderungen an lokale Wertschöpfung steigen, Kunden ändern ihre Beschaffungsstrategien, und Wettbewerb um Zulieferaufträge verlagert sich regional. Europa unter Druck – Investitionen wandern ab Wie groß die Schwierigkeiten gerade für Europa sind, spiegelt sich zunehmend in aktuellen Unternehmensumfragen. Zu erkennen ist, dass Europa im Vergleich zu anderen Regionen – vor allem zu den USA – als weniger dynamisch und attraktiv eingeschätzt wird. In der ERT/The-Conference-Board-Umfrage lag 2024 der Indexwert für Geschäftsperspektiven außerhalb Europas mit 63 höher als innerhalb Europas (50). Die neuen Umfrageergebnisse aus dem Jahr 2025 verdeutlichen die Asymmetrie: Nur acht Prozent der Befragten gaben an, mehr als vorgesehen in Europa zu investieren. Zudem kürzen bzw. verschieben 38 Prozent ihre Investitionspläne, wobei etwa 45 Prozent die USA als Investitionsstandort präferieren. Auf die Frage, welche Faktoren für dieses Bild verantwortlich sind, liefert der Eurochambres Economic Survey 2025 (mit rund 42.000 Unternehmen) eine wichtige Übersicht. Es sticht heraus, dass die befragten Unternehmen insbesondere hohe Arbeitskosten, Fachkräftemangel und zunehmende Regulierung als Risiken für den internationalen Wettbewerb sehen. Nicht zuletzt hat seit der russischen Invasion auch die Energiekrise für immensen Kostendruck und Investitionszurückhaltung gesorgt. Wie auch der Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU offenbart, zahlen EU-Unternehmen etwa zwei- bis dreimal so hohe Strompreise wie in den USA; bei Gas liegen die EU-Preise sogar vier- bis fünfmal mal höher. Das ist nicht nur ein Kostenthema, sondern auch ein Wettbewerbs- und Sicherheitsfaktor, da Energiepreise Investitionen, Produktionsstandorte und Transformationsfähigkeit beeinflussen. Verwundbare Lieferketten Ein Verhängnis gerade für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist zudem die größer gewordene Verwundbarkeit der globalen Lieferketten. Als Industrienation ohne große Rohstoffvorkommnisse sind wir auf Vorleistungen und Seetransporte angewiesen: Laut einer ifo/EconPol-Studie (im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie) beruhen etwa 50 Prozent der deutschen Exporte und Importe außerhalb der EU auf Seetransport. Dazu kommt, dass unsere Warenströme auf relativ wenige maritime
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