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Unternehmen und Märkte

Unternehmen und Märkte

wirtschaft 8-9/2013

wirtschaft 8-9/2013

Ausbau des Porsche-Werkes zieht zunehmend Zulieferer an den Standort Leipzig

Erst als Porsche im Jahr 2000 und

fünf Jahre später BMW hier neue Mon-

tagewerke aufzubauen begannen, wurde

Leipzig zur „Autostadt“. Die sofort mit

aufkeimenden Hoffnungen, dass damit

auch eine starke Zuliefererindustrie ent-

stehen könnte, blieb allerdings zunächst

eine Vision, vor allem bei Porsche. Denn

ein Endmontagewerk mit geringer

Wertschöpfung – und entsprechend der

Kategorie Premiumklasse auch mit ver-

gleichsweise niedrigen Stückzahlen –

lohnt den Aufbau neuer Fertigungsstät-

ten im Automotive-Bereich noch nicht.

„Nach den Erfahrungen der älteren

Standorte für den Automobilbereich

muss man ohnehin mindestens fünf Jah-

re veranschlagen, bis sich mit den ersten

Erweiterungen auch die Zulieferer in

größerer Zahl vor den Werktoren ansie-

deln“, erklärt Christian Halpick, Exper-

te für Industrie- und Logistik-Flächen

bei AENGEVELT Immobilien in Leip-

zig.

Höhere Fertigungstiefe ist

Nährboden für Zulieferer

Rund 13 Jahre nach dem ersten Spa-

tenstich hat Porsche sein Werk bereits

mehrfach erweitert. Nach dem Paname-

ra als zweiter Baureihe folgt nun im

Herbst der kleinere SUV Macan – und

damit steigen auch die Fertigungszahlen

von zuletzt 400 Fahrzeugen pro Tag wei-

ter deutlich an. Dazu kommt, dass der

Macan – anders als Cayenne und Pana-

chien verlagert, dafür aber bei Porsche

kräftig investiert. Hier entstand 2013

ein großes Werk für Abgassysteme mit

einer Halle von rund 20 000 Quadrat-

meter Grundfläche. Auch die Hendrick

Logistics investierte rund 23 Millionen

Euro in ein Werk für den Bau von Rad-

sytemen. Auch DMS Dräxlmair Modul-

systeme, bisher schon mit dem Bau von

Cockpits für BMW und Porsche in

Leipzig aktiv, erweiterte die Produktion

kräftig und verdoppelte die Belegschaft

auf nunmehr 150 Mitarbeiter. Künftig

kommen für Porsche auch Türverklei-

dungen und Mittelkonsolen aus Leipzig.

„Grundsätzlich überlassen wir den Zu-

lieferern, wie sie ihre eigenen Lieferket-

ten organisieren und wo sie für die Ver-

sorgung unseres Werkes ihren Standort

einrichten“, erklärt der bei Porsche für

die Werklogistik verantwortliche Micha-

el Weihrauch. Allerdings habe das nun-

mehr deutlich gewachsene Volumen da-

für gesorgt, dass sich mehr Firmen direkt

am Standort angesiedelt haben.

Bereits seit einigen Jahren im GVZ

als Zulieferer für Porsche aktiv, hat auch

das Achsenwerk von ThyssenKrupp ei-

nen wesentlichen Ausbau erlebt. Werk-

leiter Gerhard Ries zeigte sich sehr zu-

frieden, nachdem er auch den Auftrag

für die Fertigung von Achsen des Macan

gewinnen konnte und führt dies vor

allem auf das flexible und effiziente Fer-

tigungskonzept zurück. Dabei ist das

Achsenwerk – wie auch die anderen Lie-

feranten im unmittelbaren Umfeld des

Werks – selbst ein großer Endpunkt für

viele andere kleinere Zulieferer, die wie

eine Pyramide aufgebaut sind. Teile etwa

mera – erstmals einen eigenen Karosse-

riebau in Leipzig haben wird. Damit

steigt auch die Zahl der Teile und Kom-

ponenten, die hier ans Band geliefert

werden müssen. Dazu sagt Leipzigs

Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht:

„Mit der Erweiterung des Porsche-

Werkes hat sich Leipzig als Automobil-

standort etabliert. Es ist ein Signal, dass

Porsche langfristig auf den Standort

setzt. Die neue Fertigungstiefe des Por-

sche-Werkes schafft den Bedarf für die

für die Achssysteme kommen aus fast

ganz Europa und aus der Türkei.

Zuverlässige Logistiker sichern

reibungslosen Betrieb

Doch nicht nur Produzenten, son-

dern auch Logistiker sind inzwischen im

Umfeld von Porsche fest verankert und

haben ihre Niederlassungen zum Teil

erheblich aus- oder gar neu gebaut.

So auch das Leipziger Traditionsunter-

nehmen Fenthols, das 1827 als Fenthol

& Sandtmann in der Messestadt gegrün-

det wurde und neben dem klassischen

Stückgutgeschäft für die Inbound-Logistik

des Porsche-Standorts verantwortlich

zeichnet. Die Zuffenhausener scheinen

hoch zufrieden mit dem Unter-

nehmen, das seine Belegschaft jetzt von

120 auf 160 aufstocken konnte, denn

im Vorjahr erhielt Fenthols den Porsche

Suppliers Award und bald darauf auch

den Folgeauftrag für den Macan, was

ebenfalls einen Neubau im GVZ nach

sich zog. Dazu kommt noch die Schnel-

lecke-Group, die zusätzlich 200 neue

Mitarbeiter benötigt, um ihr künftiges

Transportvolumen und die Vormonta-

gen für Porsche sichern zu können.

Schnellecke montiert unter anderem die

Himmel für den Panamera und künftig

für den Macan. Zahlreiche Mitarbeiter

sind zudem mit der taktgenauen Liefe-

rung von Material an die Montagebän-

der im Porschewerk beschäftigt. Auch

Schenker und Rhenus sind in das Logis-

tik-Geschäft von Porsche-Leipzig einge-

bunden.

Laut Uwe Albrecht ist damit das

GVZ im Wesentlichen schon heute

Ansiedlung weiterer Zulieferer und so-

mit für die Schaffung weiterer Arbeits-

plätze in Leipzig.“

Eine kurze Fahrt durch den Südbe-

reich des Güterverkehrszentrums (GVZ)

zeigt eindrucksvoll die Wirkung des

Ausbaus von Porsche: Überall sind neue

Hallen entstanden oder noch im Bau.

Der französische Modulproduzent Fau-

recia hat zwar sein Werk für Sitze vom

Gelände des BMW-Werkes nach Tsche-

komplett ausgebucht – ein Ziel, das ur-

sprünglich erst für 2020 anvisiert war.

Zunehmend ist inzwischen von Immo-

bilienentwicklern wie AENGEVELT zu

hören, dass die fertig erschlossenen Ge-

werbeflächen im gesamten Norden

knapp werden. Es werde auch schwie-

riger, geeignete Arbeitskräfte zu finden.

Für die Stadtverwaltung ist dies einer-

seits ein wichtiges Signal, hier schnells-

tens die Weichen für die Zukunft zu

stellen, da weder Porsche noch BMW

am Ende ihrer Entwicklung angekom-

men sein dürften. Zum anderen ist nun

endlich das eingetreten, was ursprüng-

lich schon vor zehn Jahren erhofft wor-

den war: Eine solide industrielle Basis

im Norden Leipzigs ist entstanden, die

neben den bekannten Leuchttürmen

auch mittelständischen Unternehmen

solide Wachstumschancen ermöglicht.

Damit könnte mittelfristig auch die Ab-

hängigkeit der städtischen Gewerbesteu-

ereinnahmen von wenigen Großbetrie-

ben – laut einer vom Amt für

Wirtschaftsförderung erstellten Studie

zahlten noch 2010 zwei Prozent der Fir-

men 70 Prozent des Steueraufkommens

– verringert werden. Die Zahl von

11 676 Beschäftigten, die der Bericht

der Wirtschaftsförderung für das Jahr

2012 im Automobil- und Zulieferersek-

tor ausweist, dürfte jedenfalls 2013 ei-

nen deutlichen Sprung nach oben ma-

chen.

Manfred Schulze

Wie die regionale Wirtschaft von der Porsche-Großinvestition profitiert, erläu- tert Geschäftsführer Dr. Joachim Lamla im Interview auf Seite 44.

Achsenfertigung für den Porsche Macan im Leipziger Werk

von ThyssenKrupp.

Als nach dem Mauerfall in Leipzig

rund neun Zehntel der Industrie-

arbeitsplätze verloren gingen,

wurde lange über die richtige

Zukunftsstrategie diskutiert: Die

einen forderten den Erhalt von

Arbeitsplätzen im Maschinenbau

oder der Textilindustrie, notfalls

auch durch hohe Subventionen,

die anderen setzten auf den

radikalen Wandel zur Dienstlei-

stungsmetropole. Die Automobi-

lindustrie hatte damals, Anfang

der 90er Jahre, wohl niemand

ernsthaft auf den Plan.

Automotive-Sektor kommt

allmählich in Fahrt

Arbeiten an einer Rohkarosse eines

Porsche Macan für den Textbetrieb

in der neuen Karosseriefertigung.

Blick auf den Erweiterungsbau des Porsche-Geländes.