Kammergeschichte(n) - 150 Jahre IHK für Sachsen - page 69

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F
IRMENPORTRÄT
G
ROSSKRAFTWERK
B
ÖHLEN
schaften der imWeiße-Elster-Becken anstehenden Braunkohle. Sie war für die Verschwe-
lung besonders gut geeignet. Mit der Entscheidung zum Bau des Benzinwerkes musste
die Jahresleistung des Tagebaus Böhlen als Rohstofflieferant von 3 auf 6 Millionen Tonnen
Braunkohle, also um 100 Prozent gesteigert werden. Böhlen konnte sich als Gemeinde
wesentlich erweitern. ASW und andere Industrieunternehmen beteiligten sich am Bau
von Siedlungen im Ort.
Zerstörung von Orten und Landschaft
Das Abbaufeld des Tagebaus, der später in Tagebau Zwenkau umbenannt wurde,
erstreckte sich in der weiteren Entwicklung des Standortes von Böhlen nach Norden bis
nach Markkleeberg. Die Ostgrenze bildete die Eisenbahnlinie Leipzig –Altenburg, die
Westgrenze die Stadt Zwenkau. Nach 1970 wurde das Abbaufeld nach Westen bis an
die Gemarkung Kleindalzig– Zitzschen erweitert. Bereits bei der Planung des Tagebaus
Böhlen wurde die unter dem Dorf Zeschwitz liegende Kohle in den Kohlevorrat des Feldes
einbezogen. Damit stießen die Verantwortlichen des staatlichen sächsischen Kohle- und
Energieunternehmens auf heftigen Widerstand in der Bevölkerung, denn Zeschwitz war
ein beliebter Ausflugsort der Leipziger Einwohner. Auch die geplante Abbaggerung des
Harthwaldes stieß auf massive Kritik. Doch sowohl Zeschwitz, als auch der Harthwald
wurden devastiert. Am 1. Mai 1943 war die Räumung des Ortes abgeschlossen. Damit
wurde erstmals in Mitteldeutschland ein Dorf vollständig für die Gewinnung der Braun-
kohle abgebrochen. Nach Zeschwitz fielen bis zur Einstellung des Abbaus im Tagebau
Zwenkau noch die Orte Prödel, Cospuden, Bösdorf und Eythra dem Braunkohlenabbau
zumOpfer. Von Großdeuben, Gaschwitz, Zöbigker, Hartmannsdorf, Knauthain und Zwen-
kau wurden Teile in Anspruch genommen.
Vom Symbol des Scheiterns zum effektivsten Braunkohlekraftwerke der Welt
1944/45 wurden die Kraftwerks- und Industrieanlagen bei Luftangriffen schwer zerstört.
Am Kriegsende wurde Böhlen von der US-Armee besetzt, bevor es in die sowjetische Besat-
zungszone eingegliedert wurde. Am 1. August 1946 ging es als Reparation Deutschlands
in das Eigentum der UdSSR über. Bereits am 1. Juni 1946 wurde aus der Braunkohle-Ben-
zin-AG, Werk Böhlen, und dem Braunkohlen- und Großkraftwerk Böhlen der Aktienge-
sellschaft Sächsische Werke die Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) Kombinat Böhlen
gebildet. Ihr Produktionsprofil umfasste die Förderung von Braunkohle, deren Weiterver-
arbeitung zu Briketts und Benzin sowie weiterhin die Verstromung. ImMai/Juni 1952 über-
gab die UdSSR das Kombinat in das Eigentum der DDR. Die neue Firmenbezeichnung lau-
tete VEB Kombinat Böhlen, ab 22. November 1952 VEB Kombinat »Otto Grotewohl« Böhlen.
Am 1. Januar 1969 wurden die Kombinate Böhlen, Espenhain und Rositz zum VEB Erdöl-
Verarbeitungs-Kombinat »Otto Grotewohl« Böhlen zusammengelegt. Mangel an Finanzen
und an technischen Ressourcen führten dazu, dass die mitteldeutsche Braunkohleindu-
strie zu einem Symbol des Scheiterns der DDR wurde.
Die Tradition der Kohleverstromung wird heute in der Region Böhlen durch das Kraftwerk
Lippendorf weitergeführt. Das Unternehmen Vattenfall Europe, Tochter des schwedischen
Staatskonzerns Vattenfall AB, betreibt seit dem Jahre 2000 dieses als eines der effektivsten
Braunkohlekraftwerke der Welt.
Ulrich Heß
Petrolchemisches Kombinat »Otto Grotewohl«,
Reaktionskolonnen des Winkler-Generators,
um 1984
1...,59,60,61,62,63,64,65,66,67,68 70,71,72,73,74,75,76,77,78,79,...204
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